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Okt. 22, 2004 / Kultur

Musik für Geisteskranke
Naked Lunch. Songs For The Exhausted

von Thorsten Baßfeld

Ja, ja, das Drama einer Band, die Höhen und Tiefen kennt. In den frühen Neunzigern gegründet, haben Naked Lunch schon so einiges an Geschichte und Geschichtchen auf dem Buckel und wenn man etwas über sie liest, dann wird man immer wieder auf den versaubeutelten Major-Deal hingewiesen und wie heilsam doch die völlig selbständige Aufnahme der neuen Platte gewesen sei.

Über die Musik liest man zugunsten der erwähnten, natürlich derbe wichtigen biographischen Fakten eher mal gar nichts, im Zweifelsfall wird da wohlwollend das musikalische Mittelfeld bemüht. Kurz und gut: Diese CD hätte ich nie gekauft. Dann habe ich jedoch - so ein bißchen Neugierde schlummert ja doch noch in mir, gleich neben der Leidenschaft - den Fehler begangen, mal etwas Ohr zu riskieren und war prompt sechzehn Euro los.
Wer es mir nachtun will, sei herzlich eingeladen, zum Probehörer zu greifen. Gleich das erste Stück, „God“, kreischt mit leiernder Gitarre auf, läßt unbeeindruckt einen Taktteil unter den Tönetisch fallen und bedient sich einer hinreichend sentimentalen Melodie, die mich zwar aus unerfindlichen Gründen an „All The Young Dudes“ erinnert, aber eigen und stark genug ist, des Hörers Aufmerksamkeit auf Großes vorzubereiten. „First Man On The Sun“, das zweite Lied, das wie so manches weitere Freunden der Eels gefallen dürfte, zeigt im Strophenteil, wie knallhart reduziert ein Lied daherkommen kann, ohne zur unscheinbaren Wolke zu verkümmern. „King George“, ein Stück über einen verstorbenen Freund, zudem Ex-Mitglied der Band, geht eine gelungene Symbiose aus A- und E-Gitarre ein, und so reiht sich Lied um Lied auf diese glänzende Silberscheibe; „The Deal“ mit schickem Refrain, der Befürwortern von Sharon Stoned oder Sebadoh noch lange im Ohr hängen wird, „Man Without Past“, das den eigenen Refrain ad absurdum führt, bis schließlich „The Retainer“ mit streichelnden Streichern den Schlußpunkt setzt.
Die Klagenfurter Band schwelgt in sanfter Melancholie, ohne dabei je zu pathetisch zu werden wie etwa Sigur Ros, und präsentiert ihr Liedgut nie hektisch, sondern in getragenem Tempo, so daß die Vier-Minuten-Songs allesamt diesen Schade-schon-vorbei-Effekt erzielen. Bei zehn Stücken ergeben sich somit vierzig Minuten echtes Indie-Flair; Songs so schön wie von The Notwist, nur authentischer, ohne das Zuviel an Studiobastelei, Gepiepe und Gefrickel, das den Weilheimer Sound zuletzt so nervtötend gemacht hat. So muß eine Indie-Platte klingen, dann klappt’s auch mit der Nachbarin. Manche werden sie aber auch ganz allein unter dem Kopfhörer genießen... Musik zum Entspannen, Nachdenken, Onanieren, Träumen, Spülen oder Weltverbessern - glaubt’s mir, ich habe es ausprobiert.

Wer der Band ins Netz gehen will: www.nakedlunch.de


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