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Okt. 23, 2004 / Kultur

Musik für Geisteskranke: Boxhamsters. Demut & Elite

„Ich hab zu lange zugeschaut wie HipHop diese Welt versaut“, heißt es in „Winnetou IV“, einem Stück der neuen Boxhamsters-CD, die sympathische neun Titel mit unter 40 Minuten Spielzeit auf sich vereint. Und weil sie so schön kurz ist und HipHop schon so viel versaut hat, läßt man sie wieder und wieder erklingen und bekommt jene Sorte Punkrock zu Ohren, die einem nach Ami-Funpunk im Einheitslook und anderen Toten Hosen den „Glauben“ an die Sache wiedergibt.

Lange gibt’s sie schon, die Boxhamsters, aber trotz fast zwanzigjährige Bandgeschichte (und eine derart lange Zeit ist bisher fast keiner deutschen Punkband bekommen) lassen sich keinerlei Alterserscheinungen feststellen. Der Grund mag darin liegen, daß die Band sich nie mehr vornimmt, als sie letztlich bei aller Freiheit bereit und in der Lage ist umzusetzen. Gelegentlich trifft man sich halt mal zur Probe, selten genug, um sich nicht gegenseitig auf den Sack zu gehen, schlägt in der Zwischenzeit alle Angebote großer Plattenfirmen konsequent aus und kann so herrlich ohne Druck musizieren. Beziehungsweise Traditionen pflegen, denn laut eigener Einschätzung handelt es sich bei den Boxhamsters um einen Trachtenverein und bei Punk um die konservativste Musikrichtung überhaupt. Da mag ich nicht widersprechen, im Gegenteil, wenn das Ergebnis so überzeugend ist wie „Demut & Elite“, kann ich nur skandieren: Seid konservativ! Kauf euch das Ding!
Nach vier Jahren Plattenpause (und nach Alben mit so hübschen Titeln wie „Tötensen“, „Prinz Albert“ und zuletzt „Saugschmerle“) wird nun wieder der bandeigene Gitarren-Schrammelrock mit treibendem Schlagzeug und verständlichem Gesang serviert. Cos Stimme wird auch bei Anklagen etwa an den Schönheits- bzw. Konsumwahn nie wirklich aggressiv, sondern bewahrt sich stets eine vornehme Höflichkeit. Und natürlich dürfen auch die großen Gefühle nicht fehlen:

Ein Hochgefühl - wir dachten schon wir wär’n ganz großes Kino
und niemand um uns rum versteht
doch alle beide sind wir nur ‘ne kleine Nebenrolle
wenn ganz am Schluß das Licht angeht

Tragisch, das Leben, aber mit den Boxhamsters doch noch sehr erträglich. Überhaupt glänzt auch „Demut & Elite“ wieder mit so klugen deutschen Texten, die nicht verkrampft und nicht bis zur Unverständlich verkünstelt sind. Da wird auch schon mal recht salopp das unfreiwillige Ableben der betagten Hedwig besungen: „Und er erschießt die Hedi / die alte, feine Lady“ Denn siehe da, die vier Hamster besitzen etwas, das selbst in Funpunk-Kreisen häufig nicht zu finden ist, nämlich Humor. Ein immer wieder aufblitzender Humor, der oftmals das Qualitätsmerkmal der Subtilität erfüllt und auch vor schönen Wortspielen nicht haltmacht: „Die falschen Bücher im Schrank - du bist studiert und frustriert / bis zum Grunde deines Glases völlig emanzibiert.“ Bereits für das erste Stück, aus dem dieser Auszug stammt, lohnt sich die Anschaffung der CD, „Beende Deine Jugend“ ist schon jetzt die Hymne 2004, die niemals im Radio laufen wird. Und Lied 7, für dessen Sonderzeichen meine Tastatur oder wenigstens meine Begabung solche zu produzieren nicht ausreicht, glänzt durch einen schmissigen Refrain, der sich vortrefflich auf dem Weg zur Arbeit schmettern läßt.
Gewohnt sparsames, aber gelungenes Cover-Artwork mit Herzen am Fallschirm und Tips zum richtigen Golfspiel (sollten 20 Jahre Punk sich finanziell also doch auszahlen?) runden das positive Gesamtbild ebenso ab wie die Tatsache, daß der Scan-Code diesmal nur aufgeklebt, also gerade für nicht mit der Warenwelt liebäugelnde Menschen leicht ablösbar ist. Und falls das nicht als Konsumanreiz genügt, kann ich zum Schluß höchstens noch einmal aus „Winnetou IV“ zitieren, jenem Lied, welches nach 30 Sekunden bereits die zweite Strophe hinter sich läßt:

Nationaler Größenwahn
fliegt euch schon morgen bis zum Mars
und sitzt der richtige am Hebel
geht’s dann vom Mars bis an die Memel?

Wir sind der Geist der alten Welt
und hol’n beim Bäcker Amerikaner
und wenn die Sheriffsterne blinken
sind wir lieber die Indianer

(Thorsten Baßfeld)


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