| Okt. 23, 2004
/ Kultur
Wo Wogram Gram verpustete
Ein Streifzug über das Moerser Jazz Festival 2004
von Thorsten Baßfeld Irgendwie mochte das rechte Festivalfeeling nicht aufkommen. So eine Art nervöse Anspannung lag über der Zeltstadt, die sich nur sehr gemächlich im Laufe der vier Feiertage legte. Oder besser gesagt: fünf Tage, denn als inoffizieller Auftakt eines langen Pfingstwochenendes und optimaler Anreisetag gilt bereits der Donnerstag. Vielleicht wehte das subtile Unbehagen von oben auf uns nieder: von den ehemals sechs weißen Fahnen auf dem Festivalzelt, Symbole der Unschuld und Ergebenheit, haben sich in diesem Jahr zwei eines nationalen Wandels unterzogen, so daß sie nun in Schwarz-Rot-Gold flatterten - Moers is in germany. Und dann kam diese Stimme aus dem Off: „Hab’ ich nicht schöne Glocken?“ fragte Therese mich unvermittelt. Daß sie zuvor die ganze Zeit mit einer glöckchenbesetzten Schnalle um ihren Fuß gebimmelt hatte, war mir gar nicht gewahr geworden. Verwirrt nuckelte ich an etwas Alkoholischem. Festival, dachte ich bei mir, da hast du dir was vorgenommen... FREITAG Am Mittag des 28. Mai, Stunden vor den ersten Tönen im großen Zelt mit den Nationalflaggen obenauf, war bereits der erste Höhepunkt des Festivals erreicht. In der evangelischen Stadtkirche pustete Nils Wogram, einer der absoluten Spitzenposaunisten in Deutschland, in sein Instrument, begleitet vom Saxophonisten Haydn Chisholm. Eine gute halbe Stunde lang boten die beiden dem etwa zwanzigköpfigen Publikum eine außergewöhnliche Hörerfahrung, komplex und doch nachvollziehbar, im schönen, halligen Sound der Kirche. Mal ließ Wogram sein Instrument wie ein Didgeridoo klingen, während Chisholm Aboriginies-Gesänge imitierte, mal fügten sich Obertongesänge, hysterisches Gelächter und Geräusche zu einem stimmigen Bild in das gelungene Zusammenspiel der beiden Instrumente. Im Festivalzelt sollte es an diesem Tag nicht besser werden. Helge Schneider solo auf einem Jazz- und nicht etwa Comedy-Festival, das mutete schon ein wenig gewagt an und baute in jedem Fall eine Erwartungshaltung auf, die Schneider denn auch prompt nicht erfüllen konnte. Erfreulich wortkarg, lief er zwischen einer Vielzahl von Instrumenten hin und her und verzettelte sich dabei in musikalischen Ansätzen: kurzes Akkordeonspiel, hektisches Schlagen auf ein Vibraphon mit goldenen Klangröhren, eine kleine Melodie auf der Melodica, dann schnell zum Schlagzeug mit dem Blick auf die Uhr: „Keine Zeit!“ Bevor ihn am Ende des Sets der Teufel holen kam, hatte er einfach zu wenig Klavier gespielt („Blau“), jenes Instrument, das er wie kein anderes beherrscht. Auch wirkte er ohne Begleitung ein wenig verloren: Schneiders Programm beim letztjährigen Moerser Comedy Arts Festival war nicht zuletzt deshalb um Längen besser, weil er aufs Feinste begleitet wurde von Pete York an den Fellen und Jimmy Woode am Holzbaß, den dieser schon für ganz andere Jazz-Größen (Louis Armstrong, Duke Ellington, Ella Fitzgerald etc.) zupfte. Den Schlußpunkt des ersten Tages bildete das Arab Orchestra of Nazareth. Bei dieser israelischen Formation geht es vor allem um das Miteinander verschiedenster Glaubensrichtungen, die eher klassisch angehauchte Musik war als Tagesfinale allerdings wenig geeignet. Nichtsdestotrotz gab es dafür einen warmen Applaus an diesem lauen Abend. Lau war auch das Gefühl, welches die meisten Grabbel- und Freßstände im Freizeitpark hinterließen. Die bizarrste Blüte der lukrativen Reststoffverwertung zeigte der zentrale Toilettenwagen. Wurde im Vorjahr bei der Preisgestaltung noch zwischen kleinem und großem Geschäft unterschieden, bestand diesmal die Möglichkeit, eine Tages- oder Festivalkarte für den Toilettenbesuch zum Preis von 6 bzw. 21 Euro zu erwerben (in nachvollziehbare Werte übersetzt: 40 DM für 4 Tage kacken)! „Denen sollte man vor den Wagen scheißen“, kommentierten mehrere Festivalbesucher unabhängig voneinander diesen Griff ins Klo, indes getan hat das natürlich niemand. SAMSTAG Das ZDF, welches einer Moerser Punkband zufolge das Wetter macht, hatte gute Arbeit geleistet: Mit Sonnenmilch eingeschmiert, spazierte eine schwitzende Masse unter strahlend blauem Himmel über das Festivalgelände. Auch der Staat zeigte Präsenz, anscheinend noch umfangreicher als im Vorjahr patrouillierten Polizisten durch die Zeltstadt, möglicherweise auf der Suche nach etwas zum Rau(s)chen. Allerorten war auch die Rede von umherstreunenden Zivilpolizisten, und nach kurzem Überlegen war auch der Grund für die grüne Welle klar: Seit diesem Jahr herrscht bei den Beamten im öffentlichen Dienst ja die 41-Stunden-Woche, die wissen einfach nicht, wohin mit ihrer Arbeitszeit. Warum also nicht das Dienstliche mit dem Unbeschwerten verbinden und Unbehagen über die sich im friedlich-staatsfreien Raum wähnenden Camper bringen. Gerade die älteren Festivalbesucher, die teilweise von weit her anreisen und besonders die bisher beinahe ungetrübte, anarchische Atmosphäre schätzen, dürften so langfristig dem Festival fernbleiben.
Um so erfreulich sind daher die vielen jungen Zuschauern in diesem Jahr, denen besonders der Auftritt der Formation Clotaire K aus dem Libanon gefallen haben dürfte. Astreinen Hip Hop gab es da zu hören, angereichert durch traditionelle Klänge frisch von der Knickhalslaute - eine äußerst gelungene Mischung. Oder um es mit den Worten zweier begeisterter Jugendlicher zu sagen: „Boah, hasse das gesehen, das war voll fett, der eine Typ hat voll den Kopfstand gemacht auf dem Kopf von dem anderen Typen und hat dabei noch gerappt!“ - „Laber!“ - „Ich schwör!“ - „Krass, Alter!“ Zuvor gab es mit den leicht zappaesken Franzosen Le Sacre du Tympan, deren CD nach dem Konzert zu recht sofort ausverkauft war, und den sich Rovo nennenden Japanern, die vornehmlich T-Shirts verkauften, einen hervorragenden Start in den Jazz-Samstag. Zu diesem Zeitpunkt war schon klar, daß das Schlußlicht des Tages diesmal nicht so richtig würde funkeln können: Mars Williams, der Mann vom Festival-Plakat, hatte sich drei Tage vor dem Festival bei einem Autounfall in Chicago die Schulter gebrochen. Seine Formation Liquid Soul, spontan um Rob Wassermann am Baß verstärkt, wußte dennoch zu überzeugen. SONNTAG Wer sich während des Festivals ausschließlich an den warmen Speisen der Freßbuden gütlich getan hatte, dürfte spätestens am dritten Tag erhebliche Probleme mit seinem Cholesterinspiegel bekommen haben. Könnte man Fett im Fettmantel fritieren, es würde auf der Freßmeile angeboten. Jedenfalls wurde nicht, wie wahrscheinlich beabsichtigt, multikulturelles Flair verströmt, sondern nur ein muffiger Fettdunst. Gut, daß die Stadt Moers zum (Presse-)Empfang mit richtig leckeren, niederrheinischen Speisen geladen hatte. Bevor man den Mund vollnehmen konnte, taten dies jedoch zunächst einmal andere. Der Bundestagsabgeordnete Ehrmann, der Bürgermeister Hofmann, die Sponsoren kamen zu Wort, selbst der Niederrheindichter Christian Behrens schrie ein Gedicht in die hungrige Menge. Nur Burkhard Hennen stand nicht auf der Rednerliste, aber wen interessiert auch schon der künstlerische Aspekt des Festivals? Was soll es da nach 33 Jahren noch zu sagen geben? Zumindest nichts, was wichtiger wäre als die Lobhudelei der Sponsoren. Folgerichtig setzte sich der künstlerische Leiter einen Mundschutz mit der Aufschrift „mundtot“ auf. Ohnehin war man ja gekommen, um sich den Schmaus in die Backen zu hauen. Spätestens beim Ansturm der Wichtigen auf das Büfett wurde mir jedoch klar, daß dies nicht die Sorte feiner Gesellschaft war, in welcher ich mich zwanglos gütlich tun mochte. Nicht am heiligen Sonntag! Lieber zog ich mich an die Theke zurück, frühstückte frisch gezapftes Duckstein, diesmal artigerweise für lau, und begab mich erneut in die Fettecke. Einen schönen Höhepunkt des Festivals bekam der Musikliebhaber am Sonntagmittag zum Auftakt um die Ohren gehauen. Fred Frith, längst kein Unbekannter mehr in Moers, machte es sich in einer bescheidenen Ecke mit seiner Gitarre bequem und überließ den Großteil der Bühne der Percussionistin Evelyn Glennie. Zwölf Stunden soll der Bühnenaufbau gedauert haben, so daß Glennie an vielfältigen Instrumenten die Möglichkeit hatte, ihre percussiven Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Ihr geriet alles zum Instrument, waren es nun auf dem Boden liegende Becken oder mit Wasser gefüllte Fässer, die mit dem Bogen bespielt oder in die hineingepatscht wurde und an denen Glennie Gläser (Pepsi) zerschlug. Auf dem Marimbaphon gönnte sie dem Publikum dann einen so wunderschön herzergreifenden Mittelteil, in dem Glennie und Frith mit filigranen Noten kleine Melodien zauberten und sich dabei so herrlich ergänzten, daß die Percussionistin einem beinahe leidtat, konnte sie doch keinen einzigen dieser Töne hören - die gute Frau ist gehörlos. Ein improvisiertes Zusammenspiel mit anderen Musikern klappt deshalb, weil sie die Vibration der Töne spürt, weshalb sie an sich barfüßig spielt. Die Moerser Bühne sei ihr angeblich zu schmutzig gewesen, deshalb sah man sie dort mit Schuhen bekleidet, wohingegen Fred Frith, auch mit dem Festivalschmutz schon per du, sich blanken Fußes auf der Bühne verbeugte. Die Portugiesen um Fernando Lameirinhas zeigten später, was sich aus einem minimal bestückten Schlagzeug so alles herausholen läßt, das Trio Hugh Ragin (Trompete), Kent Kessler (Bass) und Hamid Drake (Schlagzeug) überzeugte mit fähigem Jazz und zum Schluß kam es dann noch ganz dicke. Art-Rock-Pionier David Thomas, der mit seiner Band Pere Ubu Ende der 1970er Jahre noch richtig abgedreht-geniale Rockmusik fabrizierte, zeigte sich musikalisch eher introvertiert, während er auf der Bühne schon ob seiner Leibesfülle reichlich Raum einnahm. Sehr ruhig, sehr gemächlich kroch die trübselige Melange aus elektronischen Grooves, vereinzelten Akkorden aus dem Melodeon und nicht weniger behutsam eingesetzten Tönen, die ein vierfingeriger Trompeter herauspustete, über die Grasnarbe. Darüber streute Thomas seinen oftmals lediglich (in einen Telefonhörer) gesprochenen Text, obwohl er doch über eine zum Singen prädestinierte Stimme verfügt. Insgesamt bot er zwar nicht viel Neues seit seiner Two-Pale-Boys-Zeit, litt und schwitzte jedoch so inbrünstig, fesselte derart mit seiner zähflüssigen Musik, daß im blauen Zelt eine gebannte Stille herrschte. Oder aber es stellten sich Fluchttendenzen ein wie bei Reinhard aus Moers, dem der Sound schlichtweg zu heftig herüberkam. „Da bekomme ich ja jetzt schon meine Altersdepressionen“, klagte der Mittvierziger. Wehklagen auch an anderer Stelle: „Unmöglich fand ich das“, schimpfte Ulrike aus Moers, „die Stände der Budengasse haben so laute Musik gespielt, daß man die in den ruhigen Passagen bei David Thomas andauernd gehört hat! Kann der Veranstalter solche Störungen nicht verhindern?“ Tja, Frage an den Veranstalter: Kann er das?
MONTAG An seinem Geburtstag von den Mitarbeitern per Orden zum „Maitre du chaos“ erhoben, präsentierte Burkhard Hennen am letzten Festivaltag mit der NDR Bigband unter Colin Towns ein Geburtstagsgeschenk voller „Knabengesichter“, eine nicht hoffnungslos überalterte Formation mit der Möglichkeit zum freien Improvisieren und eben „keine Notenfresser“. Frank Zappa wurde zehn Jahre nach seinem Tod mit dem Programm „hot licks (and funny smells)“ gehuldigt, sicher nicht von schlechten Eltern, nur kam für eine Zappa-Hommage die Gitarre doch reichlich kurz. Aber das lag mit Sicherheit in Herrn Towns Absicht. Weiter ging es mit Ketil Bjornstad & Sea Farer Song. Die Norweger ließen es ruhig angehen, scheuten aber auch vereinzelte kantige Fjorde nicht. Kristin Asbjörnsen sang mit angerauhter Rockstimme norwegisch und englisch und ein bißchen zu perfekt. Nach einer Passage über eine Frau, die ihren Mörder ehelichte und schlußendlich mit dem Baby in ihrem Bauch begraben wurde, stieß sie einen markerschütternden Schrei aus, der für einige Gänsehäute sorgte. Auch in diesem Jahr wieder an Bord war der niederländische Radiosender NPS (Frequenz: 94,5 FM), auf dessen Wunsch hin der aus der progressiven Rockmusik nicht wegzudenkende Schlagzeuger Bill Bruford (YES, King Crimson u. a.) nach Moers eingeladen wurde, zusammen mit der Formation Earthworks und Tim Garland am Saxophon. Brufords Dank nach einem gelungenen Set galt dem künstlerischen Leiter, sei dies doch eines der besten Festivals gewesen, auf denen er je aufgetreten ist.
Bevor auch Mars Williams, den Arm in der Schlinge, sichtlich gerührt das Festival und die ihm zuteil gewordene Freundschaft lobte, gelang es ihm trotz seiner frischen Verletzung vortrefflich, Saxophon zu spielen und dem Soul Sonic Circus einen würdigen musikalischen Hintergrund zu schaffen, vor dem die Artisten mit Hochseilakrobatik, Kopfstand, Seiltanz etc. das Publikum zu begeistern wußten. Während der Darbietung kam es zu einer Verwechslung. Als der Moerser Thomas Wenzel aus dem Backstage-Bereich in das Rund des Festivalzelts wechselte, tippte mich jemand von hinten an. „He, sieh mal, war das nicht gerade David Thomas?“ Nun muß, wer Thomas Wenzel kennt, zugeben, daß eine gewisse Ähnlichkeit beider nicht von der Hand zu weisen ist - möge man ihn fortan David Thomas Wenzel nennen. Und als zum Abschluß die Brotherhood of Brass, bestehend aus Frank London’s Klezmer Brass All Stars und dem Boban Markovic Orkestar, mit Pauken und Trompeten die Bühne enterte, mußte sich die Feuerwehr sorgen, daß nicht das trockengetrampelte Gras Feuer fangen würde, derart glühte der Tanzboden. Spätestens bei der Speed-Polka-Version der Brahms’schen Ungarischen Tänze (Nr. 5 in G-moll) flog die fesche Paula über das Grün, tanzte der dicke Mann mit rudernden Armen, hopste der Hahn und sprang die Meute, so geht das mit der Lebensfreude. Für ein kleines Trompetenduell mit Frank London, zuletzt nur noch auf den Mundstücken ausgetragen, kam gar Hugh Ragin noch einmal auf die Bühne. DIENSTAG Die letzten Zelter suchten einen Schattenplatz. Nicht mehr lange, und große Maschinen, welche die gräsernen Rudimente durchpusteten, würden sie vertreiben. Wie sich beim Bummel durch den sich leerenden Freizeitpark zeigte, hatten offenbar viele junge Menschen ihre portablen Beschallungsboxen bis zu deren Kapitulation betrieben; allüberall auf den Wiesen glänzten verbrauchte Batterien im Sonnenlicht. Was auf dem Festivalgelände leider gänzlich fehlte war eine zentrale Altbatteriensammelstelle. Fazit des Festivals: Über 26.000 Besucher, ein Anstieg bei den verkauften Jugendtickets um 36 Prozent (!!) - die Besucher von Morgen machen sich warm. Mit seiner erstklassigen Musikauswahl hat Burkhard Hennen es geschafft, das Moers Festival zu einem generationenübergreifenden Spektakel aufzubauen. Auch Jens aus Braunschweig zeigte sich vom gelungenen Programm in diesem Jahr hocherfreut. „Jetzt kann es nur noch einen Superlativ geben“, befand er, „wenn Tom Waits nach Moers kommt!“ In der Tat, dann würde das Festivalzelt aus allen Nähten platzen, aber der Veranstalter müßte in Vorleistung treten und um dies zu arrangieren, müßten wohl erst einmal noch ein paar Büchereizweigstellen dran glauben.
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