Graf von Moers Kolumne Nr. 32

Was schert uns der Mensch, wenn es dem Geld gutgeht?
Neues Politisches und Allzupolitisches mit dem Grafen von Moers

Die Zeit, dieser nimmermüde Gesell, steht nicht still, und so ist viel ist geschehen, seit ich das letzte Mal meine Gemäuer verließ, um von der Welt zu berichten: Uran im Iran, in der Nord- und Ostsee ist der Aal vom Aussterben bedroht (welch ein Schock für alle, die lieber Aal wählen) und am Beispiel Inge Meysels zeigte sich, wie leicht man von der Mutter der Nation zum Wurmfutter der Nation werden kann. Die Moerser Kirmes ist auch längst vorbei und enttäuschte mit der „größten transportablen Geisterbahn“ in unmittelbarer Nähe der größten nicht transportablen, genannt „Neues Rathaus“, worin sich wiederum auch einiges getan hat.

Nach angedachter Untertunnelung und Überdachung des Kastell-Platzes, Umgestaltung des Kö und Aufbau eines Multi Castor Behälters anstelle des Multistores, den meine Mutter immer Minestrone nannte, war mir beim Blick in die Zeitung irgendwann so, als plane Moers nun tatsächlich ein Ballhaus. Gute Idee, dachte ich, wo doch seinerzeit die angedachte Stadthalle der Sanierung Meerbecks zum Opfer fiel, da ist der Bedarf an einem schnieken Ballhaus groß. Dann sah ich das Foto. Da dachte ich mir auch, na, wo soll denn da der große Tanzsaal sein? Ein Ballhaus ohne Dancefloor, das braucht doch keine Sau. Und strenggenommen haben wir mit der Squash-Box ja bereits ein Ballhaus.

„Die Wissenschaft weiß es jetzt ganz genau“, las ich später weiter und war gespannt: „Männer haben eine größere Unfallneigung als Frauen.“ Gut, dachte ich mir, Männer sind eben Grobmotoriker und überwiegend ungeschickt. Aber: „Grund hierfür sind die biologischen Anlagen des Mannes. Er neigt einfach zu größerer Aktivität als die Frau“, ach ja, „und dieses Mehr an Aktivität verursacht natürlich eine größere Neigung zu Unfällen. Daraus erklärt sich die Wissenschaft auch, daß Männer den Hauptanteil der Alkoholiker und Straffälligen bilden und häufiger an Herzkrankheiten, Magengeschwüren und Selbstmord sterben.“ So sieht es die Zeitschrift ich und meine Familie - im Jahr 1971. Gute, alte Zeit, wo noch alles so einfach und plausibel und im Zweifelsfall mit der Faulheit der Frau zu erklären war. Skurril: direkt daneben findet sich die Schlagzeile: „Frauen leisten täglich Schwerstarbeit“. Es wird wohl Zeit, mal wieder zum Altpapiercontainer zu gehen...

Dann kann ich auch endlich die Moerser Abfallfibel 2004 entsorgen, deren Macher sich sogar zur Agenda 21 so ihre Gedanken gemacht haben: „Die Grundbedürfnisse der Menschen wie Wohnen, Arbeiten, Konsum usw. müssen zukünftig verwirklicht werden“. Arbeit und Konsum als Grundbedürfnis, so weit ham wa’s also schon gebracht! Wenn das menschliche Grundbedürfnisse sind, gehöre ich wohl einer anderen Spezies an. Ich halte nach wie vor Ernährung, Kuscheln, Erholung und ein respektvolles Miteinander für die wichtigsten Grundbedürfnisse - und die haben in einer Müllfibel nicht zwingend etwas zu suchen. Was würde wohl ein Bewohner der „3. Welt“ dazu sagen, was sind seine Grundbedürfnisse? Und warum beispielsweise Konsum erst zukünftig verwirklicht werden müsse, so als gäbe es nicht bereits heute unerträgliche Massen davon, das erklärt mir die Abfallfibel natürlich nicht, statt dessen nur der übliche Müll. Entsorger, bleib bei deinen Tonnen, mag man da rufen! Schließlich gibt es dort einen Zuwachs zu verzeichnen. Die Aktion „Saubere Innenstadt“ beschert uns die kleinen Schwarzen, zehn zusätzliche Müllkörbe, die peu a peu im Innenstadtbereich montiert werden. Die von allen Ratsparteien gewollte Aktion als Symbol, daß Politik nicht stinkt, zeigt wieder einmal, wie leicht sich das Saubermann-Image der kommunalen Exekutive aufpolieren lassen kann, wenn man nur die selbe Idee alle paar Jahre wieder hervorkramt. Mal sehen, wie lange es diesmal dauert, bis die neuen Müllbehälter genauso wieder verschwunden sein werden wie beim letzten Mal.

Und bei der Moerser Moto World blickt auch keiner mehr durch. Am Anfang war die pure niederrheinische Landschaft, ein weites Feld, oder, wie der mittlerweile ehemalige Moerser Bürgermeister (bzw. dessen Geisterwriter) einmal tief in die Naturkiste griff: ”Der Niederrhein als solcher” - als welcher denn auch sonst? - ”wird oft für Malerei an sich gehalten, die Kopfweiden im Dämmerlicht, die grünen Wiesen mit tief hängendem Himmel, Flußläufe im Nebel verschwindend.” Heute wissen wir endlich, welcher Nebel dem Dunstkopf vorschwebte: Rennpistenqualm sollte her, damit Testfahrer niemanden mehr totdrängeln müssen. Und vollmundig wurde in der Presse verkündet: Moto World ist unter Dach und Fach! Die beschließenden Parteien CDU, SPD und F.D.P. nannten die Anlage eine wichtige Option für die Stadt, die man sich offen halten müsse. Etwas, was dieser Region noch gefehlt hat - Lärmbelästigung, Umweltverschmutzung und einen Run von Leuten, die dies als Sport empfinden. Dann plötzlich das stille Aus für das groß- bzw. mehrspurige Unternehmen, das dann aber genauso plötzlich nicht mehr ganz so aus war, Asdonkshof allein genüge schließlich nicht, die Luft kriege man noch schmutziger hin! Moers will ja immerhin seinen Großstadtstatus wahren, ausbauen und für eine Förderung des Nachwuchses sorgen. Wie nämlich jüngst eine Hamburger Studie zeigte, fördert Umweltverschmutzung die Geburt von Zwillingen. Mehrlingsgeburten finden sich gerade in der Umgebung von Giftmüllanlagen doppelt so häufig wie in „reiner Natur“. Während Wissenschaftler noch die Ursache erforschen, komme ich mal mit meinem ehemaligen Erdkundelehrer daher, der uns Siebtklässlern sagte: „Seht ihr diese Tanne, die hat besonders viele Zapfen, und das heißt nicht, daß die Gegend hier so fruchtbar ist, im Gegenteil, womöglich aufgrund hoher Umweltgiftbelastung wird sie bald sterben und will die Existenz ihrer Art durch mehr Nachwuchs sichern...“
Und auch Magnetfelder haben sich inzwischen als gefährlich erwiesen Wie die Zeitschrift „Environmental Health Perspectives“ bereits Ende Februar berichtete, können schon schwache elektromagnetsiche Wechselfelder von 60 Hertz, wie sie beispielsweise Rasierapparate und Kaffeemaschinen aussenden, Schäden an uns Biomasse verursachen. Ein Rattentest zeigte, daß nach zwei bis vier Tagen Dauerbestrahlung die Erbsubstanz bereits deutlich geschädigt wird, zudem wiesen die Gehirne der Nager einen ungewöhnlich hohen Anteil an toten Zellen auf. Wenn ich mir so die kaffeeschlürfenden Politiker im Bundestag ansehe, alle pikfein rasiert, sogar die Merkel, dann wird mir so einiges klar. Aber daß auch wir alle schon ganz schön verstrahlt sind, ist auch kein Wunder, an jeder Ecke lauert die technische Finesse mit ihrem Elektrosmog, fast jeder hat heuer ein Mobiltelefon einstecken und daß es mit der üblichen Handystrahlung mühelos gelingt, ein Glas Wasser meßbar zu erhitzen, ist experimentell belegt. Das ist beim Telefonieren dann etwa so, als steckte man seinen Kopf in ein eingeschaltetes Mikrowellengerät. Aber natürlich ist die Industrie der Wissenschaft schon weit voraus, sie hat die Magnetfelder, die ihre Aparillos so erzeugen, längst derart polarisiert, daß sie nur noch gezielt diejenigen Gehirnzellen veröden, die für kritisches Denken zuständig sind. Nur so läßt sich der erneute Wahlsieg Bushs und die oben bereits erwähnte Tendenz zu geistlosem Konsum einigermaßen plausibel erklären.

Schon vor der Wiederwahl des Präsidenten des ersten Landes, in dem das Schlangestehen vor Flughafentoiletten aus Sicherheitsgründen verboten wurde, sicherte dieser 7 500 000 US-$ für neue Atomwaffen zu, die sich in die Erde bohren. Würmer wolle man damit verstrahlen und unterirdische Terroristen rösten. Klar, seitdem man Hussein im Erdloch fand, darf so etwas nicht mehr vorkommen. Warum nicht, höhlen wir doch den Planeten aus! Die Amis machen doch eh nur Käse - Warum soll auch nur der Mond aussehen wie ein Leerdamer? Wissenschaftler warnen bereits, die Gefahr eines Atomkriegs ist derzeit so hoch wie nie. Und was wurden wir bis in die Achtziger nicht traumatisiert, wie schlimm das doch wäre, man denke nur an die erfolgreiche US-amerikanische Abschreckung selbst der eigenen Landsleute, so daß schlimme Filme wie „The Day After“ gedreht wurden und Sting „Russians“ singen mußte. Aber heute? Arschlecken. Die atomare Gefahr ist nicht im erforderlichen Maß präsent und doch ist die geschickt geschürte Terrorangst omnipräsent. So was stumpft ab. Und wenn man gar nicht weiterkommt, schürt man halt so seine Feindbilder und läßt beispielsweise kubanische Stars nicht in die USA reisen, wo allein Musik schon subversiv sein kann. Inzwischen ist es ja auch schon egal geworden, daß die vermeintlichen Massenvernichtungswaffen im Irak eben doch die Ölquellen waren und es darf schon mal stumm genickt werden, wenn G. Walker Bush relativierend tönt, daß es dennoch Sinn ergab, den Irak zu Klump zu hauen, Motiv hin oder her. Klar: Der Wirtschaft kommt Zerstörung und Wiederaufbau immer zugute. Und was schert uns schon der Mensch, wenn es dem Geld gutgeht? Aber das war erst die Halbzeit. Kurz nach seiner Wiederwahl verkündete George W. bereits, er wolle Amerika stärker machen. Der maßlosen Arroganz des US-Amerikanischen Machthabers kann man nicht oft genug die Worte des Londoner Bürgermeisters Livingston um die Omme hauen: „Dieser Mann ist die größte Gefahr für das Leben auf diesem Planeten. Seine Politik kann die Menschheit noch auslöschen.“
Konsequenz: Laut einer Allensbach-Umfrage halten mittlerweile 71,1 % der Deutschen die USA für ein Land, das so rücksichtslos und egoistisch wie kaum ein anderes seine Interessen vertritt. Problem: Über 90 % der Befragten wollen ein gutes Verhältnis zum Ami, um bloß nicht der deutschen Wirtschaft zu schaden. Mentalität: Wenn’s um den Profit geht, macht man halt auch mit Mördern seine Geschäfte. Was schert uns der Mensch, ... Aber das ist ja auch logisch, wir leben in einem großen Exportland und sind gerade auf die „Staubsaugerfunktion“ des amerikanischen Marktes angewiesen: Deutschland produziert viel, zahlt aber nicht die entsprechenden Löhne, um der eigenen Bevölkerung seine unzähligen Waren gönnen zu können. Die USA, die ihre Arbeiter ordentlicher bezahlen, kaufen einen Großteil der überschüssigen Konsumgüter auf, so funktioniert die Abhängigkeit. Die können wir uns auch nicht schönglobalisieren. Aber da bin ich schon wieder bei einem anderen Stichwort, das gesondert behandelt werden mag.

Jetzt ist es zunächst an der Zeit für mich, den Griffel ruhen zu lassen. Und statt dessen mal das Schwert zu schwingen, es gibt ja so viel zu tun! Wer immer nur das Maul aufreißt, riskiert eine Mandelentzündung. Dennoch kann ich nur empfehlen, nicht nur beim Zahnarzt, sondern jetzt auch beim Hausarzt-Routinecheck den Mund immer schön weit aufzumachen und zu mäkeln: „Ja, was denn, ich habe da jetzt 10 Euro Eintritt geleistet, da schreiben Sie mich jetzt aber mal bitte schön mindestens zwei Wochen krank für!“ Soll so sein!

Ihr

Graf von Moers


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