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Zeitung für Internet und Umgebung

Mai 03, 2008 / Allgemeines

60 Stunden sind genug!

Neue Arbeitszeitmodelle im Test

von Thorsten Baßfeld

Die Ausbeutung des Menschen erreicht eine neue Qualität
und wie man allerorten hört, wird die Gartenbaukunst hier noch gerne gepflegt
(Tocotronic)

Ursprünglich wollte ich ja etwas über die seit einem Jahr eingeführte 41-Stunden-Woche im öffentlichen Dienst schreiben. Der im öDie Stehende soll sich ja bekanntlich voll und ganz seiner Arbeit widmen. Jetzt wissen wir, wie das gemeint ist: mehr schaffen, weniger raffen. Die Alimentierung der Beamten war im Vorjahr rechnerisch um insgesamt 11% rückläufig, was nicht mit der Diskussion um die leistungsgerechte Bezahlung der Beamten zusammenhängt, sondern sich aus der kompletten Streichung des Urlaubsgeldes und der drastischen Kürzung des Weihnachtsgeldes addiert sowie der Verlängerung der Wochenarbeitszeit von 38,5 auf 41 Stunden. Letzteres entspricht einer Mehrarbeit von umgerechnet 16 Arbeitstagen jährlich, oder anders ausgedrückt: Von den 26 Tagen Erholungsurlaub eines unter 30 Jahre alten Beamten verbleiben gerade mal 10. Da fehlt nicht mehr viel Mut zur Urlaubslücke, und es herrschen japanische Verhältnisse mit 7 Tagen Jahresurlaub. Dann wird wohl, wie in Japan bereits, Selbstmord als Berufskrankheit bzw. -unfall anerkannt.
Wie will der öffentliche Dienst die Arbeitszeiterhöhung bei gleichzeitigem Lohnverzicht, wie sie bisher nur für die Beamten gilt, denn nun bei den Angestellten und Arbeitern durchsetzen, womit will er drohen? „Wir gehen ins Ausland!“ zieht nicht. Außerdem ist der Ansatz schon falsch. In diesen ächzenden Zeiten ist das antizyklische Verhalten des Staates gefragt, also mehr Arbeitnehmer einstellen als einsparen, um der Arbeitslosigkeit ein Schnippchen zu schlagen.

Aber wie gesagt, über den öffentlichen Dienst wollte ich nur ursprünglich etwas schreiben. Denn dann kam eins zum anderen. Siemens hat es vorgemacht, durchs aufgestoßene Tor zogen und ziehen sie jetzt alle nach; große Namen wie Karstadt, Opel oder Schlecker fallen und man hofft, sie fallen nicht zu tief. Alle Wirtschaftsexperten zeigen sich plötzlich einig: Ja, wir müssen wieder mehr tun, noch ein Quentchen mehr aus uns herausholen. Allen voran titelte der Stern: „Warum die Deutschen mehr arbeiten müssen“. Eine Bochumer Spedition bietet bereits Arbeitsverträge mit festgeschriebenen 50 Wochenstunden plus Überstunden, was per Gesetz schon mal gar nicht erlaubt ist, da hier maximal die 48-Stunden-Woche vorgesehen ist (zum Vergleich: Die durchschnittliche Arbeitszeit liegt in den Niederlanden bei 30,9 Wochenstunden, und da ist nun auch nicht alles Käse). Und nach der bitteren Pille mit der unentgeltlichen Mehrarbeit von 5 Stunden je Woche bei Siemens attestierte NRW-Arbeits- und Wirtschaftsminister Harald Schartau der IG Metall freudig ein „großes Verantwortungsbewußtsein“, lobte also indirekt die Profitgier der Konzerne und deren Desinteresse am Erhalt der hiesigen Standorte.

Bei den Spekulationen derer „da oben“, was dem kleinen Beschäftigten noch so alles zusätzlich zugemutet werden kann, wird die real existierende soziale Schieflage gerne ausgeklammert: Während sich ein Vorstandsmitglied eines im DAX vertretenen Unternehmens 2003 im Vergleich zu 2002 90.000 Euro mehr einsacken durfte und sich die Aufsichtsräte ihre Bezüge um 13 % erhöhten, gingen die Reallöhne der dort beschäftigten Arbeitnehmer gegenüber dem Vorjahr um 0,7 % zurück. Zudem verdient ein durchschnittlicher Arbeitnehmer heute netto 1,5 % weniger als noch 1991. Aber dieses Bergab soll es noch nicht gewesen sein, im Gegenteil, die Arbeitgeberchöre rufen: „Jetzt geht’s los!“ und die Politik trällert mit.
Die CDU meckert, daß es in Deutschland dreizehnmal schwerer sei eine Arbeit zu finden als in den USA und folgert daraus, daß hierzulande Betriebe nur deshalb so ungern neue Leute einstellen, weil sie sie so schwer wieder loswürden. Unsympath Friedrich Merz sprach sich denn auch klar dafür aus, den Kündigungsschutz komplett aufzuheben, als sei nicht gerade dieser ein wichtiges Instrument gegen die Willkür des Arbeitgebers und als gäbe es nicht bereits die außerordentliche (fristlose) Kündigung für den Fall der Fälle.
Immer neue Schikanen werden so nach und nach für die arbeitende Bevölkerung ausgedacht: kein Versicherungsschutz mehr für den Weg zur Arbeit, Streichung eines Feiertags, eine komplette Woche weniger Urlaub (was für ein Hammer für die Tourismusbranche, nachdem es in diesem Sommer dort bereits Umsatzeinbußen von etwa 4 Prozent gab), usw. Alles wird erst mal laut und deutlich gedacht, sei es um einzuschüchtern, sei es um auf den kommenden Sozialkahlschlag vorzubereiten.
Bundeskanzler Schröder ist da allerdings nicht immer so Merz-lastig und will lieber den schleichenden Wandel, he Leute, macht’s subtiler, Fragen zur Arbeitszeitverlängerung und Lohnkürzungen sollen zwischen der Betriebsleitung und dem Betriebsrat bzw. den Gewerkschaften untereinander geregelt werden, nur bitte „möglichst wenig öffentlich darüber reden, um eine öffentliche Verunsicherung zu vermeiden“. Diese Verunsicherung ist aber schon längst da. Das Geld wird aufgrund der immer wieder auflodernden Diskussionen im steigenden Maße angelegt. Die Gesellschaft für Konsumforschung stellte vermehrt Konsumverzicht fest, größere Anschaffungen würden nur noch in beschränktem Maße getätigt und bei den kleineren Ausgaben würde ebenso gespart, denkt ein großer Teil der Bevölkerung doch, in Zukunft weniger Geld zur Verfügung zu haben. Für die Wirtschaft ist ein solcher Konsumverzicht jedoch Gift. Mehr Geld im Säckel des Arbeitnehmers würde mehr Konsum der eigenen Güter bedeuten, bei weniger Geld freuen sich die Exporteure, die Abhängigkeit von anderen Ländern wächst. In der Tat wurden nach Angaben der Wirtschaft in diesem Jahr gute Ergebnisse bei den Exporten erzielt. Und überhaupt ist die Wirtschaft nicht so klapprig auf den kapitalen Füßen, daß sich damit aller angedachter sozialer Raubbau rechtfertigen ließe. 7000 deutsche Unternehmen bestätigten schon im letzten Sommer: Ja, es geht aufwärts, vor allem im Groß-, aber auch im Einzelhandel, wie auch die OECD bestätigt und prognostiziert, der Aufschwung wird sich 2005 noch beschleunigen.

Dennoch werden wir von den Medien, der Politik und natürlich den Arbeitgebervertretern systematisch eingeschworen auf das, was da auf uns zukommt. Redet es uns nur ein, wir müssen alle härter zupacken, für unseren Luxus auch mal ein wenig Verzicht üben und der gleiche kalte Kohl wie immer, irgendwann glauben wir’s schon. Oder erzählt einem Menschen, der sich jahrelang im umgebenden Luxus mit Sozialhilfeleistungen kleinhalten muß, ruhig mal etwas von sozialer Hängematte. Den Freizeitstaat Deutschland hat Schröders Vorgänger ja bereits zerredet und „Wir amüsieren uns zu Tode“ ist eh ein Anachronismus für Soziologen.
Je größer die anstehenden sozialen Einschnitte, desto geringer scheint inzwischen die Gegenwehr, Resignation macht sich breit. Wespentaillen allerorten, der Gürtel muß aber noch enger. Das schnürt einem schon mal die Luft zum Denken ab. Man pinkelt seinem Arbeitsplatzgeber schließlich nicht ans Bein, aber manchmal hat man solch einen Druck, da muß man einfach pissen. Sollen denn die abhängig Beschäftigten dieser Nation jetzt kollektiv „Danke für meine Arbeitsstelle“ singen und sich „Eigentum des Betriebs“ auf die Stirn tätowieren lassen?
Eine gerechte Verteilung der Arbeit ist dringend geboten. Wenn immer weniger Menschen für weniger Geld immer mehr leisten, hat das nicht nur einen Anstieg der Arbeitslosigkeit zur Konsequenz, auch fließt dann in die Sozialkassen immer weniger hinein. Und wo bleibt bei stetiger Mehrarbeit der viel zu oft unterbewertete Faktor Motivation? Sicherlich kann man die Furcht vor dem Arbeitsplatzverlust schüren; solange Arbeitslosigkeit zwingend mit Armut und sozialem Abstieg gleichgesetzt wird, läßt sich durch Einschüchterung genauso motivieren wie durch Androhung von Mittelstreichungen, wenn nicht jede beliebige Arbeit angenommen wird (siehe auch diesen ganzen 1-Euro-Job-Bereich). Jedoch wirkt sich Motivation durch Freude an der Tätigkeit statt durch Angst oder Zwang nicht nur auf die Gesundheit des Arbeitenden weitaus positiver aus, auch Qualität und Quantität des Geleisteten würden gesteigert.

Wer die meiste Zeit arbeiten muß, hat natürlich auch nicht viel von seinen Kindern, aber an Nachwuchs mangelt es ja sowieso. Solange das Bild vorherrscht, man müsse als Arbeitnehmer ganz besonders flexibel und ungebunden sein und mit dem erarbeiteten Wohlstand strunzen, und solange andererseits das Kinderhaben als Armutsfaktor gefürchtet bleibt, kann sich die Lage nicht entspannen. Die Idee, die Erziehung durch die Eltern zu honorieren und mehr Kindergeld zu zahlen, was bei Menschen mit kleinen Kindern auch die Abhängigkeit vom Arbeitsmarkt schmälern würde, kommt den Verantwortlichen freilich nicht. Statt dessen plant das Parlament, 230.000 neue Betreuungsplätze für Kinder unter drei Jahren zur Verfügung zu stellen, damit Mutti sich nicht mit dem Hausfrauendasein abfindet, sondern fleißig am Wirtschaftsrad mitdreht, während sie dem Staat die Erziehung ihres Nachwuchses überläßt. Dies ist überdies ganz im Sinne eines Expertenteams, das im Auftrag der Friedrich-Ebert-Stiftung zu der Erkenntnis gelangt ist, daß schlechte Bildung (= schlechte Arbeitsmarktchancen) ein deutliches Armutsrisiko darstellt. Anstatt nun aber etwas an der festgestellten Wurzel des Übels zu tun und massiv in Bildung zu investieren, schlagen die Experten vor, Familienfrauen häufiger als bisher berufstätig zu machen. Unter der Voraussetzung einer verpflichtenden Vorschule könne so mehr Chancengleichheit hergestellt werden. Die Frage nach der Kinderfreundlichkeit oder dem grundgesetzlich verbrieften Schutz der Familie stellt sich da in Hinblick auf das vermeintliche Allgemeinwohl nicht. Da ist es eher beunruhigend, daß die OECD erst kürzlich die unzureichende Ausbildung der Erzieher gerade im Kindergartenbereich bemängelt hat.

Nun aber möchte ich mein kleines, völlig unvollständiges Sammelsurium zum Thema Neue Ausbeutungsmodelle schließen, es ist genug von der Arbeit (vom mittelhochdeutschen „Arebeit“ = Mühsal, Not) die Rede gewesen. Das wahre Leben beginnt ohnehin nach Feierabend. Je weniger Feierabend es gibt, desto weniger Leben wir. Wir haben aber mehr vom Leben als von der Arbeit!
Und sehen wir es doch mal so: Nicht der Standort Deutschland ist zu teuer, die anderen sind schlicht zu billig. Andernorts geht die Produktion zu Lasten und auf Kosten der Natur und Menschen, das wird teuer für uns alle! Die Drohung mit der Abwanderung ins Ausland führt noch irgendwann so weit, daß auch hierzulande afrikanische Verhältnisse herrschen mit der 80-Stunden-Woche, Hungerlöhnen und kaputtgekloppter Umwelt. Daß Deutschland bereits heute ein Entwicklungsland ist, wird oftmals nicht wahrgenommen. Das zu entwickelnde Organ ist das Herz. Würde es größer, könnte es nicht mehr so leicht in die Hose rutschen.
Leben wir!


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