Kultur 1



Die akute Information, die Dir chronisch fehlt   -   Ausgabe: 1/2002

K I M - Kultur in Moers

Balsam war heilsam im “Ballsaal”

Ein musikalisch-literarischer Abend in der VHS Moers

Fast schon die Campus Band der VHS Moers, so kündigte selbige die Folk-Schleicher Balsam um den charismatischen Sänger, Gitarristen und Songwriter Alexander Olk an. Das mut(h)et beim immerhin erst zweiten Moerser Gastspiel vielleicht ein wenig übertrieben an, zumal es sich um den allervorletzten Bandauftritt vor dem großen Finale in der Bottroper Heimat handelte: Den Sänger betörte eine (wie ich unterstellen mag) nette Australierin, nun läuten am anderen Ende der Welt die Hochzeitsglocken. Vor dem freudigen Ereignis wurde es aber erst noch einmal ernst.

Um die 25 Zuschauer hatten sich eingefunden (alle anderen haben etwas verpaßt), um sich im VHS-Saal gut bestückt mit halbwegs gekühlten Erfrischungsgetränken mal wieder die volle Kulturkelle zu geben. Zu erwähnen wären hier die wahrhaft fairen Bierpreise (0,5 l für 1 Eumel). Vor dem musikalischen Startschuß durfte der geneigte Zuhörer einer Lesung aus dem Roman “Ein Regenschirm für diesen Tag” von Wilhelm Genazino beiwohnen (Hansa Verlag, 2001). Scheinbar alltägliche Beobachtungen (bzw. eben nicht, da vieles gar nicht wirklich beobachtet, nicht wahrgenommen wird) verraten aktuelle Gedanken zu lebensphilosophischen Entwürfen und Vergangenes aus dem Leben des Ich-Erzählers, gut herübergebracht durch Koch, Musiker und Sprachvermittler Markus Küsters. Umsäumt wurden die Extrakte des Anfangskapitels von Gedichten eines Duisburger Lyrikers, der jedoch nicht genannt werden mochte, zu dem nur auf „telepathischem“ Weg Verbindung bestand - Infos unter www.wernermuth.de.

Oh - Literaturparty...

Die stille Welt von 'Balsam'Nicht zum erstenmal wurde eine gelungene Mischung aus Literatur und Musik in der Moerser VHS geboten, früher auch schlicht “Literaturparty” genannt.
An den ersten Balsam-Auftritt im Kaminzimmer der VHS vor einem Jahr erinnere ich mich gerne zurück. Es war der Donnerstag vor Pfingsten, kurz bevor das Jazzspektakel sich in die Niederrheinmetropole wuchtete. Da kamen sie daher, nicht die lauten Jazzer, sondern drei stille Jungs namens Alex, Andreas und Sebastian, standen auf der (damals nicht vorhandenen) Bühne und begannen ihre Show mit ruhigen Tönen gleich einem sanften Abendhauch. Ich fragte mich: “Wann legen die denn endlich richtig los?” Und sie antworteten durch ihre Musik: “Ätschibätsch!” - nur ruhiger. Lediglich etwas flottere Darbietungen wie “Country Girl” machten hie und dort mal so etwas wie Tempo, sonst regierte Zurückhaltung sowie die alles dominierende, beruhigende Stimme des Alex Olk (die schon damals Andeutungen machte, mit ihrem Besitzer nach Australien verziehen zu wollen). Dieses besinnliche Konzert setzte einen Ruhepunkt, eine veritable Entspannung vor dem aufbrausenden Jazz-Festival, die Ruhe vor dem Ansturm der Freaks & deren Freunde.
Während Balsam spielten, spielten Flammen in bzw. mit der Moerser Innenstadt. Auf dem Rückweg vom so schön beruhigendem Konzert erstaunte den hier Schreibenden ein überaus hektisches Treiben in der Steinstraße, inszeniert von 80 wild wuselnden Feuerwehrleuten, die weite Teile der Altstadt ob eines Dachstuhlbrands abgesperrt hatten. Es mußte ein gigantisches Sirenengeheul gegeben haben, ein Getöse von Feuerwehrfahrzeugen und harsche Schreie in der Nacht, zudem tobte das Feuer ganz in der Nähe der VHS - aber in der stillen Welt von Balsam war dafür kein Platz, nichts davon drang durch die Musik.

Gedämpft das Licht - heiter die Stimmung

Ein Jahr ging ins Land und auch längst wieder heraus, das Haus auf der Steinstraße ist nach wie vor baufällig und Balsam sind immer noch, seit nunmehr einer Dekade, in Sachen gedämpfter Musik unterwegs. Gedämpft war denn auch das Licht (nicht aber die Stimmung) im großen Vortragssaal der VHS, um diesen und die dortigen Geschehnisse intimer wirken zu lassen. Die Wohnzimmer-Atmosphäre des Vorjahresauftritts konnte im Saal jedoch nicht ganz erreicht werden.
instrument-A-l Immerhin durfte der Sänger jetzt mitunter schon mal Deutsch sprechen, ein klarer Fortschritt im Vergleich zum vergangenen Jahr. So erfuhr man zwischen den Liedern Amüsantes über seinen Langhaarschneider und, bei der Regression in eine Englisch-Phase, Interessantes über kuriose Orte in Deutschland inklusive des höchsten Bergs im Harz. Zwischen den Ansagen kam wieder die gewohnte, faszinierende Schlichtheit zum Tragen. Spärlich instrumentiert und arrangiert sowie mit einem Hauch Keyboard bei den neueren Stücken im zweiten Teil versehen, wurde die Musik nie kompliziert, blieb stets unaufdringlich, einfach (und) gut. Solche Lieder müßte eigentlich jeder Gitarrenanfänger so ersinnen können, kann er aber eben nicht, das ist der Zauber von Balsam. Musik, die tiefgeht und einen mitnimmt. Die einen eben einbalsamiert, auf die nichtkitschige Art.
Es ging so schön leisetreterisch zur Sache, daß schon der sicherlich gerechtfertigte Applaus störend wirkte. Lieber mochte man die Augen schließen und lauschen, ja, zuhören, wobei man feststellen durfte, daß die Wortkombi “pushing prams” eben nur im Englischen gut herüberkommt, ob der beiden Explosive vielleicht ein wenig hart klingt, doch allein durch die jubilöse Vokalfolge u-i-a wie bei “uh yeah” und auch rhythmisch - ein flotter Jambus mit Auftakt - absolut aufgeht. Im Deutschen jedoch ist es völlig unmöglich, “Kinderwagen schieben” zu singen (ganz ehrlich, daran ist schon meine ansonsten durchaus gelungene Übersetzung eines Lieds von Billy Bragg gescheitert). Nach dem “Mond von Wanne-Eickel” ist “Kinderwagen schieben” nun wohl die letzte große Herausforderung für die deutsche Schlagerwelt. Möge sie dann in Frieden ruhen. Bitte.

Instrumentalstück in A

Aus den angedachten 75 musikalischen Minuten wurden (mit diversen Zugaben) locker zwei Stunden, bis halb Spukstunde standen die beiden Saitenreiter auf der Bühne (lediglich der bebesente Schlagwerker durfte sich setzen). Die erste Zugabe, ein Instrumentalstück in A, war ungewöhnlich laut und noch einen Zacken simpler angelegt. Ginge diese Band den Weg der Verknappung konsequent weiter (und in Zeiten der globalen Verknüpfung ist seitens der drei Balsamierer auch an eine interkontinentale musikalische Weiterarbeit gedacht), käme es in Zukunft wohl vermehrt zu Ein-Akkord-Stücken. Da will natürlich gut abgewogen werden, welche Tonarten da in Betracht kommen. Ich schlage jetzt mal C vor. So völlig unverbindlich. Will mich ja nicht in kreative Prozesse anderer einmischen. Zumal die balsamsche Kreativität funktioniert: Neues Studio-Material ist bereits fertig, befindet sich mittlerweile “auf Festplatte, nicht mehr auf Zelluloid” (Musik zum Runterholen, Kontakt, Infos etc. unter www.balsammusic.de).
Und daß Balsam-Bassist und Balsammusic-Webmaster Sebastian inmitten des Sets eine Bierpause durchsetzte, war angesichts der fortgeschrittenen Temperaturen an diesem schwülen Sommer-Vorabend auch mehr als Balsam für die Kehle. Zum Wohl!

(tb)

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