Kultur 4



Die akute Information, die Dir chronisch fehlt   -   Ausgabe: 7/2002

K I D - Kultur in Duisburg

Mit Hennen und Füßen und einem Buthospezialprodukt

Rückschau auf das 31. Moerser Jazz Festival 2002

Es war das Festival der Gegensätze. Auf der einen Seite lockten die Verkaufsstände mit garantiert unauthentischen exotischen Speisen, die (wie der restliche Krempel im Budengassenbereich) fröhlich überteuert waren. “Lecker, lecker, lecker”, rief ein findiger Nahrungsfeilbieter, der wie so mancher Besucher den Unterschied zur Moerser Kirmes nicht erkennen konnte. Der noch findigere Nicht-Konsument wußte aber sogleich eine passende Antwort zurückzurufen: “Teuer, teuer, teuer!” Gleiches galt im übrigen auch fürs Geschäftliche, das allzumenschliche. Erstmals wurden neben den bewährten Dixi-Keimboxen für das erhabene Erleichterungsgefühl der Verwöhnten Toilettenwagen bereitgestellt, vor welchen man einen Eintritt zu entrichten hatte. Ob dieser im Festivalkartenpreis mit enthalten war, ist mir allerdings nicht zu Ohren gekommen. Schmunzelhasig stimmte jedoch die Tatsache, daß je nach Hinterlassenschaft verschieden hohe Gebühren zu berappen waren, mit zunehmend festen Aggregatzustand steigend. Heute im Angebot: URINIEREN - zum Krähen!

Jenseits der blauen Zeltwände löste sich der Sampler mit dem Cello ab. Der 31. Aufguß des Moerser Pfingstspektakels, das diesmal erfreulich behindertengerecht daherkam, präsentierte sich gewohnheitsgemäß musikalisch breit gestreut. Das Schweizer Trio Steamboat, für so manchen ein Top Act des Festivals, überzeugte durch ihre stressige, elektronisch angehauchte Musik nur wenig - Ufo-Musik, welcher es am roten Faden mangelte. Noch elektrischer, mit drei Rumpelkisten bestückt, zeigte sich Revolution3, ebenfalls wenig revolutionär. Drei Menschen, die Knöpfchen drehen, sind für mein Empfinden von der traditionellen Art des Musikmachens ein wenig zu weit entfernt. Besser gelang es da schon Dadaphone, die als Ersatz für Kroyt kamen und ihren Job wirklich gut machten. Angefangen beim Anblick des Schlagzeugs, das mit Fahrradelementen bestückt war, über die fast schon klassische Instrumentierung mit Cello bis hin zur glänzenden gesanglichen Darbietung von Kristin Asbjornson, die an eine gelungene Mischung aus Patty Smith und Kate Bush erinnerte, wurde dem Publikum eine muntere Dreiviertelstunde geboten. Die mitunter tumben Texte, etwa über den üblichen Herzschmerzbeziehungsschnulli, wurden mit Brecht-Zitaten aufgepeppt. Nicht minder beeindruckend waren Luc Ex & 4 Walls. Der Bassist Luc Ex zeichnet maßgeblich für die niederländische Band The Ex verantwortlich, die in den späten 1970er Jahren aus dem Punk hervorgegangen ist.

PUNK!!!

Michael Vatcher spielte nicht lediglich auf seinem konventionellen Schlagzeug, sondern improvisierte bei Laune mit metallischen Klanghölzern, die er passend zur von Phil Minton dargebotenen Poesie auf den Bühnenboden schleuderte. Daß diese Musiker Spaß an ihrer Darbietung hatten, war unübersehbar. Gleiches gilt für die japanischen Mürbeteigexperten von Shibusashirazu. Die fast vierzigköpfige Besatzung des Raumschiffs Jazz brillierte abermals durch eine bunte Show mit zeltfüllendem Aludrachen und gut tanzbaren Rhythmen - das japanische Ende des stillen Fußes. Zudem strotzten die Lieder vor Pathos, daß man bei geschlossenen Augen beinahe die rote Sonne des Sozialismus emporsteigen sah. Da mochte man es dieser sympathischen Band durchaus verzeihen, daß sie bereits zum dritten Mal fast das gleiche Programm abspulten. Die Aktivitäten der Shibusas beschränkten sich freilich wieder einmal nicht auf den samstäglichen Auftritt im Festzelt. Zwei Vorab-Konzerte in der (außer für manche Portemonnaies) freundlichen Szene-Kneipe Die Röhre, der traditionelle Straßendurchzug in der Moerser Innenstadt, Mitarbeit an den ausgelagerten Projekten, zwei Dunkelzelt-Performances und diverse Kleinbesetzungsauftritte am Rande des Festivalgeländes, und sei es nur zwecks Freigetränkerheischung, das alles mit der gewohnten Spielfreude absolviert zeigte, daß den Japanern echt die Hummeln im Hintern herumhämmern. Bemerkenswert waren einmal mehr die „Men In White“, die leichtbekleideten Tänzer, die ein Buthospezialprodukt erster Güte darboten.

Junge, lockere Jazz-Kost auf alten Brettern...

Bei wem es beim Namen Lucas Niggli Zoom macht, der ist schon auf der richtigen Welle, denn mit Zoom wurde junge, lockere Jazz-Kost auf die Bretter gebracht. Louis Sclavis & Napoli's Walls brachten brauchbaren Beat aus dem Bauch, der nur selten erlahmte. Roots and Wires waren experimentierfreudig, die Mischung aus klassischer Instrumentierung und Elektronika erschien zwar zunächst interessant, ging aber nicht auf. Punktum.

P.S.: Dieser Artikel wäre ohne eine gehörige Portion polnischen Flamencos nicht in der vorliegenden Form möglich gewesen.

(Rotspeer/tb)

 

Döner, Pizza, Publikum...Wir wissen, das Moers-Festival ist schon lange gelaufen...

aber, wie heißt es doch immer so schön: Nach dem Festival ist vor dem Festival!
Um die Stimmung ein bisschen länger wach zu halten, hier noch ein paar photographische Impressionen rund ums Zelt.

Außerdem geben die Akteure vom Shibusa Shirazu Orchestra am Samstag, 13.7.02, im Rahmen ihrer Europatournee ein Abschiedskonzert in der Kneipe "Die Röhre"! (Diesmal aber nicht für lau - kost 5 €)

Click for the show: Bild (1 ist da links) 2 3 4 5 6 7 8 9 10

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