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Wartke, Wartke nur ein Weilchen...
Das Schwarze Schaf als Schwarzfahrerdrückeberger
und König Ödipus
Na, Wartke! So leicht kommt uns das
neue Schwarze Schaf vom Niederrhein, namentlich Bodo Wartke, nicht
ungeschoren davon! Nach all den Vorschußlorbeeren - 1. Preis
beim "Bundeswettbewerb Gesang 2001", "St. Ingberter
Pfanne" plus Publikumspreis, "Magdeburger Kugelblitz",
Songpoetenpreis der Hanns-Seidel-Stiftung, "Aroser Schneestern"
und nicht zuletzt eben dem "Schwarzen Schaf vom Niederrhein"
- stellt sich zunächst die Frage: Was will dieser überqualifizierte
junge Mann ausgerechnet in Moers?? Und wenn er schon die Sparkassen-Hauptstelle
mit seinem halbherzig "Ich denke, also sing ich" betitelten
Programm entert, muß sich der wortgewandte junge Wahl-Berliner
und Ex-Bad Schwartauer mindestens der knallharten Kritik der Stattzeitung
stellen. Ähem.
Nach den üblichen Begrüßungsorgien
derjenigen, welche diese Veranstaltung erst möglich gemacht
haben, begrüßte auch Bodo Wartke das Publikum im zur
Sparkasse umgebauten Theater, um gleich in medias res zu gehen.
Klassisches aus der Bierbar wurde ebenso geboten wie die äußerst
gelungene Adaption eines klassischen Dramas, König Ödipus,
Herrscher von Theben; detailverliebte Zerfleischungsorgien trug
Bodo Wartke singend vor ("ein autobiographisches Stück")
und outete sich zudem als Gaffer und Schwarzfahrerdrückeberger.
Unvergessen werden dem Publikum auch die Gastauftritte von Wartkes
"französischer" Kollegin (in Wahrhaftigkeit: Melanie
Haupt aus Düsseldorf) oder die Begegnung mit Daniel, dem
Lichttechniker bleiben, der immerhin schon blau und rot kann.
Um die Intensität des Abends nun vollends
auf den Punkt bringen zu lassen, konnte die Stattz den polnischen
Star-Kritiker Marek G. verpflichten. König Artus gibt den
Startschuß: Go, Marek, go...
"Na ja...! Es ist nun mal so... da ich einer
netten, intelligenten, attraktiven Frau (mit 9,6 Promille Alkohol
in meinem polnischen Blut) ein Versprechen gegeben hatte auch
mal 'etwas' zu schreiben, möchte ich es auch mit diesen Worten
einhalten. Da ich den Namen dieser Wonder-Frau nicht verraten
möchte, füge ich diesem Satz nur noch hinzu, daß
Dorothee selbst schuld ist, wenn sie mich bittet, 'etwas' zu schreiben.
Weil ich (aus heute unergründlichen Gründen)
ein weltweit bekannter Kabarett-Kritiker bin, möchte ich
nun über ein Ereignis in der Sparkasse Moers berichten, das
an einem Sonntag stattgefunden hat.
Ich gebe bewußt das Datum dieses Ereignisses nicht preis,
da ich den Lesern nicht vor die Nase halten möchte, das sie
vor drei Wochen einen interessant-komisch-nachdenklich-lustigen
Abend verpaßt haben.
Auch wenn ich schon 3 Tage davor Milliarden von Gehirnzellen mit
Bier abgetötet hatte und mein Körper nach einer Intensivstation
geschrien hat, war ich an jenem Abend von dem Auftritt von Bodo
Wartke ganz schön posi-tief überrascht.
Da ich mir üblicherweise keine schnellen Vorurteile bilde,
dachte ich mir, als der 24 Jahre junge Mann auf die fünf
Meter breite Bühne gestürmt war:
'Ohhhhh Gott ... wer is dat denn?'
Doch sobald der Bodo seine geschickten Finger in
die Tasten schlug, wurde eine von meinen schwer verletzten Gehirnzellen
wach und fing an Hormone auszuschütten, die all ihre Kameradinnen
wieder zum Leben erwecken ließ.
Mir wurde auf einmal bewußt, wo ich mich befinde, und ich
schaute mich kurz um. Und was sah ich? 90 % der Zuschauer waren
gutgekleidete 50 bis 70-jährige, die ich am liebsten alle
rausgeschmissen hätte (Nicht daß ich etwas gegen die
ältere Generation habe, aber dieses Programm war wirklich
nicht für Menschen gedacht, die nach der Vorstellung für
200 Euro zu Abend essen und dann gemütlich mit ihrem Mercedes-Benz
in ihre Villa fahren !! !!).
Die restlichen 9 % der überwältigen Menschenmassen waren
halt Menschen wie Du und Du; das letzte % waren diejenigen (wie
ich), die sich dann über diese Tatsachen aufregen und schreiben
dürfen.
Aber zurück zu Wartke.
Eins von meinen sehr stark musikalisch ausgeprägten Ohren
konzentrierte sich darauf, eine falsche Note aus den Piano-Klängen
herauszufiltern....doch vergebens. Und das andere hörte einfach
den Hintergrundgedanken zu... und nicht vergebens.
Ich könnte euch natürlich ein paar Titel nennen wie
'Ein Denkmal denkt', 'Ich trau mich nicht' oder 'Kain und Abel',
die mir besonders gefallen haben, ...aber dann müßte
ich zur Tatsache kommen, daß ihr diese Titel eh nicht kennt,
und deshalb befinde ich diesen ganzen Satz
............. als überflüssig.
Ich könnte auch berichten, daß dieses
begabte junge Männeken über großartige schauspielerische
Talente verfügt.... aber ihr habt es ja eh schon längst
verpaßt. A L S O ... beim nächsten mal A U F P A S
S E N, wenn BODO WARTKE wieder in der Nähe auftritt.
Ich könnte auch ein paar kritische Aspekte über den
oben genannten Künstler diesem Artikel hinzufügen, aber
da habe ich keinen Bock mehr drauf, denn es ist bereits 03.50
... und außerdem .... Ich trau mich nicht.... :o)
Marek."
Danke, Marek. Die CD zum Programm heißt "Ich
denke, also sing' ich (unterwegs)", Bodo Wartke ist im Internet
zu finden unter www.bodowartke.de.
Der Schüler Schreibversuche in Zeiten von Pisa
Das Grafschafter Gymnasium veranstaltete das zweite
Literaturcafé
Fast hätte ich mich auch nicht getraut (s.
o.). Doch dann las ich das Motto dieses Literarischen Cafés:
"Schreibe, wenn Du Dich traust". Und hoho, weihnachtsmannte
ich gar hochsommerlich, zu schreiben traue ich mich fürwahr.
So soll dies nun ein Bericht werden über eine in erster Linie
über das Ohr zugängliche Veranstaltung, die das Grafschafter
Gymnasium (GGM) an zwei Abenden kurz vor Schuljahresschluß
präsentierte.
Eigentlich wollte ich ja gar nicht. Es war dieser
Freitag, an dem unzählige Veranstaltungen nur darauf warteten,
von literarisch Labilen, kulturell Kurzatmigen oder feuilletonistisch
Verdrehten besucht zu werden. Von der GGM-Lesung hatte ich auch
Wind bekommen, jedoch schublud ich diese in eine Hinterecke meines
Hirns, da es mein Ding nicht ist, in fremden Schulen herumlungern,
wo doch meine eigene, ehemalige mit Sartres "Das Spiel ist
aus" wieder dem schultheaterlichen Oberpomp mit Zigtausenden
von Mitwirkenden inklusive Ringelfaß mit Anpiezen
frönte. Vielleicht, weil ich mehr fürs Minimalistische
bin, vielleicht, weil ich das Sartre-Stück einst in französischer
Sprache hatte lesen müssen, vielleicht auch, weil ein unterschwelliges
Kopfgrimmen sein übriges tat, trat ich nicht die weite Reise
nach Rheinkamp an, sondern folgte dem erinnernden Hinweis einer
flüchtig Bekannten namens Judith (look what you did!) und
fand mich im GGM ein.
Das Schmerzvollste vorneweg:
Es wurde nicht gereimt, allenfalls Alliterationen
illuminierten die überwiegend prosaischen Texte. Dabei wechselte
sich Humorvolles wie "Die Pfütze" von Deniz Tuna
(hat nichts mit der Band Great Tuna zu tun) mit Nachdenklichem
wie den Texten von Friederike Saxe ab. Mit "Die Truhe"
lieferte Stephanie Miceli eine sub-kriminalistische Psychostudie
ab, bei "Rettet das Polyester" der offensichtlich chemisch
linkshänderischen Jung-Autoren Stephan Dietz und Mona Wolcz
(ja, ja, es heißt der Polyester, alter Besserwisser - Selbsterkenntnis
d. Autors) durfte sich schlußendlich ein Wäldchen neuer,
garantiert synthetischer Bekleidung erfreuen. Maren Gatermanns
"Malboro Man" ritt auf seinem Gaul Lucky Light in den
Sonnenuntergang (mmh, haben wir etwa Willy Astors "Rauchermärchen"
gehört?), ihr "Irrtum" war für zwei Verfolgte
tödlich. Auch Kathrin Knappmann las zwei Texte. Da sie die
erste ist, mal so ad hoc bemerkt, die (im Rahmen eben dieses Literaturkurses)
etwas über mein literarisches Werk verfaßt hat, revanchiere
ich mich nun und schreibe etwas ausführlicher über das
ihre (da ich ihre Ausführungen jedoch nicht kenne, bleibe
ich mal vorsichtig, bevor ich ihr Werk über den grünen
Tee lobe). Nach dem Horrorszenario einer streikenden Hausfrau
und Mutter (so ähnlich sangen schon die Ramones: "The
KK took my Frühstück away" - RIP!) erfuhr man,
wie sich "Die langweiligste Schulstunde der Welt" auf
die empfindliche Pennäler-Psyche auswirkt. Ihre Schilderungen
über Konzentrationsprobleme und stehende Sekundenzeiger wurden
im jugendlichen Publikum mit jeder Menge Lachen und Geschmunzel
aufgenommen, was der Rezensent so gar nicht mehr nachvollziehen
kann. Nicht nur einmal keimte in mir der Verdacht auf, hier ein
Stück Autobiographie serviert zu bekommen, die anwesenden
Schüler jedenfalls schienen mit Situation und der Person
der bezeichneten Lehrerin vertraut.
Hier ist Musik zwischen den Zeilen - oder so
Lukas Kretschmer trug mit ausdrucksstarker Stimme,
die ich gerne mal singen hören würde, gleich drei Stücke
vor, wobei "Die Nacht" von einem Film untermalt wurde,
der auch im Peschkenhaus anläßlich der kurz zuvor zu
Ende gegangenen Kunstausstellung "InnerEiMalerei" zu
sehen war. Dort wurden zudem Selbstportraits und Fotografien dieses
vielfältig künstlerisch begabten jungen Mannes ausgestellt,
von dem wir bestimmt noch mehr hören werden.
Zwischen den Zeilen tönte die Jazzband des
GGM, bestehend aus Schülern der Sekundarstufe I. Den Baß
bediente laut Programmzettel Heribert, gleichzeitig Bandleader.
Heribert vermochte überzeugend zu zupfen, neben ihm bildeten
zwei Gitarristen und ein Schlagwerker, der jüngste des Sextetts,
die Rhythmussektion. Das Elektro-Schlagzeug klang wirklich ganz,
ganz, ganz, ganz, ganz, ganz, ganz, ganz, ganz, ganz, ganz, ganz,
ganz, ganz, ganz, ganz, ganz, ganz, ganz, ganz, ganz, ganz, ganz,
ganz abscheulich und war selbst für ein reines Lesungspublikum
nahe an der Flippers-Grenze des Unerträglichen. Melodie fügten
zwei junge, ebenfalls ungenannte Blechbläser hinzu, die sich
den Luxus der Lernenden gönnten, auch mal ein paar sympathisch
schräge Töne ins Horn zu tuten. Geboten wurde nichts
Ausgefallenes, vielmehr Standards wie Weills "Macky Messer".
Gleich zweimal nahm sich die Band den hehren Herbie Hancock vor,
jenen brillanten Pianisten, den eine Angestellte eines hiesigen
Jazz-Imperiums (???) beim privaten Probehören jüngst
nicht zu erkennen pflegte. Da ich aber nicht fies bin, nenne ich
den Namen dieser Wonder-Frau nicht. Außerdem muß Dorothee
ja auch nicht jeden Musiker kennen, der sich über Pfingsten
nach Moers verläuft.
(tb)
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