Kultur 5



Die akute Information, die Dir chronisch fehlt   -   Ausgabe: 7/2002

K I M - Kultur in Moers

Wartke, Wartke nur ein Weilchen...

Das Schwarze Schaf als Schwarzfahrerdrückeberger und König Ödipus

Na, Wartke! So leicht kommt uns das neue Schwarze Schaf vom Niederrhein, namentlich Bodo Wartke, nicht ungeschoren davon! Nach all den Vorschußlorbeeren - 1. Preis beim "Bundeswettbewerb Gesang 2001", "St. Ingberter Pfanne" plus Publikumspreis, "Magdeburger Kugelblitz", Songpoetenpreis der Hanns-Seidel-Stiftung, "Aroser Schneestern" und nicht zuletzt eben dem "Schwarzen Schaf vom Niederrhein" - stellt sich zunächst die Frage: Was will dieser überqualifizierte junge Mann ausgerechnet in Moers?? Und wenn er schon die Sparkassen-Hauptstelle mit seinem halbherzig "Ich denke, also sing ich" betitelten Programm entert, muß sich der wortgewandte junge Wahl-Berliner und Ex-Bad Schwartauer mindestens der knallharten Kritik der Stattzeitung stellen. Ähem.

Nach den üblichen Begrüßungsorgien derjenigen, welche diese Veranstaltung erst möglich gemacht haben, begrüßte auch Bodo Wartke das Publikum im zur Sparkasse umgebauten Theater, um gleich in medias res zu gehen. Klassisches aus der Bierbar wurde ebenso geboten wie die äußerst gelungene Adaption eines klassischen Dramas, König Ödipus, Herrscher von Theben; detailverliebte Zerfleischungsorgien trug Bodo Wartke singend vor ("ein autobiographisches Stück") und outete sich zudem als Gaffer und Schwarzfahrerdrückeberger.
Unvergessen werden dem Publikum auch die Gastauftritte von Wartkes "französischer" Kollegin (in Wahrhaftigkeit: Melanie Haupt aus Düsseldorf) oder die Begegnung mit Daniel, dem Lichttechniker bleiben, der immerhin schon blau und rot kann.

Um die Intensität des Abends nun vollends auf den Punkt bringen zu lassen, konnte die Stattz den polnischen Star-Kritiker Marek G. verpflichten. König Artus gibt den Startschuß: Go, Marek, go...

"Na ja...! Es ist nun mal so... da ich einer netten, intelligenten, attraktiven Frau (mit 9,6 Promille Alkohol in meinem polnischen Blut) ein Versprechen gegeben hatte auch mal 'etwas' zu schreiben, möchte ich es auch mit diesen Worten einhalten. Da ich den Namen dieser Wonder-Frau nicht verraten möchte, füge ich diesem Satz nur noch hinzu, daß Dorothee selbst schuld ist, wenn sie mich bittet, 'etwas' zu schreiben.

Weil ich (aus heute unergründlichen Gründen) ein weltweit bekannter Kabarett-Kritiker bin, möchte ich nun über ein Ereignis in der Sparkasse Moers berichten, das an einem Sonntag stattgefunden hat.
Ich gebe bewußt das Datum dieses Ereignisses nicht preis, da ich den Lesern nicht vor die Nase halten möchte, das sie vor drei Wochen einen interessant-komisch-nachdenklich-lustigen Abend verpaßt haben.
Auch wenn ich schon 3 Tage davor Milliarden von Gehirnzellen mit Bier abgetötet hatte und mein Körper nach einer Intensivstation geschrien hat, war ich an jenem Abend von dem Auftritt von Bodo Wartke ganz schön posi-tief überrascht.
Da ich mir üblicherweise keine schnellen Vorurteile bilde, dachte ich mir, als der 24 Jahre junge Mann auf die fünf Meter breite Bühne gestürmt war:

'Ohhhhh Gott ... wer is dat denn?'

Doch sobald der Bodo seine geschickten Finger in die Tasten schlug, wurde eine von meinen schwer verletzten Gehirnzellen wach und fing an Hormone auszuschütten, die all ihre Kameradinnen wieder zum Leben erwecken ließ.
Mir wurde auf einmal bewußt, wo ich mich befinde, und ich schaute mich kurz um. Und was sah ich? 90 % der Zuschauer waren gutgekleidete 50 bis 70-jährige, die ich am liebsten alle rausgeschmissen hätte (Nicht daß ich etwas gegen die ältere Generation habe, aber dieses Programm war wirklich nicht für Menschen gedacht, die nach der Vorstellung für 200 Euro zu Abend essen und dann gemütlich mit ihrem Mercedes-Benz in ihre Villa fahren !! !!).
Die restlichen 9 % der überwältigen Menschenmassen waren halt Menschen wie Du und Du; das letzte % waren diejenigen (wie ich), die sich dann über diese Tatsachen aufregen und schreiben dürfen.
Aber zurück zu Wartke.
Eins von meinen sehr stark musikalisch ausgeprägten Ohren konzentrierte sich darauf, eine falsche Note aus den Piano-Klängen herauszufiltern....doch vergebens. Und das andere hörte einfach den Hintergrundgedanken zu... und nicht vergebens.
Ich könnte euch natürlich ein paar Titel nennen wie 'Ein Denkmal denkt', 'Ich trau mich nicht' oder 'Kain und Abel', die mir besonders gefallen haben, ...aber dann müßte ich zur Tatsache kommen, daß ihr diese Titel eh nicht kennt, und deshalb befinde ich diesen ganzen Satz

............. als überflüssig.

Ich könnte auch berichten, daß dieses begabte junge Männeken über großartige schauspielerische Talente verfügt.... aber ihr habt es ja eh schon längst verpaßt. A L S O ... beim nächsten mal A U F P A S S E N, wenn BODO WARTKE wieder in der Nähe auftritt.
Ich könnte auch ein paar kritische Aspekte über den oben genannten Künstler diesem Artikel hinzufügen, aber da habe ich keinen Bock mehr drauf, denn es ist bereits 03.50 ... und außerdem .... Ich trau mich nicht.... :o)

Marek."

Danke, Marek. Die CD zum Programm heißt "Ich denke, also sing' ich (unterwegs)", Bodo Wartke ist im Internet zu finden unter www.bodowartke.de.


Der Schüler Schreibversuche in Zeiten von Pisa

Das Grafschafter Gymnasium veranstaltete das zweite Literaturcafé

Fast hätte ich mich auch nicht getraut (s. o.). Doch dann las ich das Motto dieses Literarischen Cafés: "Schreibe, wenn Du Dich traust". Und hoho, weihnachtsmannte ich gar hochsommerlich, zu schreiben traue ich mich fürwahr. So soll dies nun ein Bericht werden über eine in erster Linie über das Ohr zugängliche Veranstaltung, die das Grafschafter Gymnasium (GGM) an zwei Abenden kurz vor Schuljahresschluß präsentierte.

Eigentlich wollte ich ja gar nicht. Es war dieser Freitag, an dem unzählige Veranstaltungen nur darauf warteten, von literarisch Labilen, kulturell Kurzatmigen oder feuilletonistisch Verdrehten besucht zu werden. Von der GGM-Lesung hatte ich auch Wind bekommen, jedoch schublud ich diese in eine Hinterecke meines Hirns, da es mein Ding nicht ist, in fremden Schulen herumlungern, wo doch meine eigene, ehemalige mit Sartres "Das Spiel ist aus" wieder dem schultheaterlichen Oberpomp mit Zigtausenden von Mitwirkenden inklusive Ringelfaß mit Anpiezen frönte. Vielleicht, weil ich mehr fürs Minimalistische bin, vielleicht, weil ich das Sartre-Stück einst in französischer Sprache hatte lesen müssen, vielleicht auch, weil ein unterschwelliges Kopfgrimmen sein übriges tat, trat ich nicht die weite Reise nach Rheinkamp an, sondern folgte dem erinnernden Hinweis einer flüchtig Bekannten namens Judith (look what you did!) und fand mich im GGM ein.

Das Schmerzvollste vorneweg:

Es wurde nicht gereimt, allenfalls Alliterationen illuminierten die überwiegend prosaischen Texte. Dabei wechselte sich Humorvolles wie "Die Pfütze" von Deniz Tuna (hat nichts mit der Band Great Tuna zu tun) mit Nachdenklichem wie den Texten von Friederike Saxe ab. Mit "Die Truhe" lieferte Stephanie Miceli eine sub-kriminalistische Psychostudie ab, bei "Rettet das Polyester" der offensichtlich chemisch linkshänderischen Jung-Autoren Stephan Dietz und Mona Wolcz (ja, ja, es heißt der Polyester, alter Besserwisser - Selbsterkenntnis d. Autors) durfte sich schlußendlich ein Wäldchen neuer, garantiert synthetischer Bekleidung erfreuen. Maren Gatermanns "Malboro Man" ritt auf seinem Gaul Lucky Light in den Sonnenuntergang (mmh, haben wir etwa Willy Astors "Rauchermärchen" gehört?), ihr "Irrtum" war für zwei Verfolgte tödlich. Auch Kathrin Knappmann las zwei Texte. Da sie die erste ist, mal so ad hoc bemerkt, die (im Rahmen eben dieses Literaturkurses) etwas über mein literarisches Werk verfaßt hat, revanchiere ich mich nun und schreibe etwas ausführlicher über das ihre (da ich ihre Ausführungen jedoch nicht kenne, bleibe ich mal vorsichtig, bevor ich ihr Werk über den grünen Tee lobe). Nach dem Horrorszenario einer streikenden Hausfrau und Mutter (so ähnlich sangen schon die Ramones: "The KK took my Frühstück away" - RIP!) erfuhr man, wie sich "Die langweiligste Schulstunde der Welt" auf die empfindliche Pennäler-Psyche auswirkt. Ihre Schilderungen über Konzentrationsprobleme und stehende Sekundenzeiger wurden im jugendlichen Publikum mit jeder Menge Lachen und Geschmunzel aufgenommen, was der Rezensent so gar nicht mehr nachvollziehen kann. Nicht nur einmal keimte in mir der Verdacht auf, hier ein Stück Autobiographie serviert zu bekommen, die anwesenden Schüler jedenfalls schienen mit Situation und der Person der bezeichneten Lehrerin vertraut.

Hier ist Musik zwischen den Zeilen - oder so

Lukas Kretschmer trug mit ausdrucksstarker Stimme, die ich gerne mal singen hören würde, gleich drei Stücke vor, wobei "Die Nacht" von einem Film untermalt wurde, der auch im Peschkenhaus anläßlich der kurz zuvor zu Ende gegangenen Kunstausstellung "InnerEiMalerei" zu sehen war. Dort wurden zudem Selbstportraits und Fotografien dieses vielfältig künstlerisch begabten jungen Mannes ausgestellt, von dem wir bestimmt noch mehr hören werden.

Zwischen den Zeilen tönte die Jazzband des GGM, bestehend aus Schülern der Sekundarstufe I. Den Baß bediente laut Programmzettel Heribert, gleichzeitig Bandleader. Heribert vermochte überzeugend zu zupfen, neben ihm bildeten zwei Gitarristen und ein Schlagwerker, der jüngste des Sextetts, die Rhythmussektion. Das Elektro-Schlagzeug klang wirklich ganz, ganz, ganz, ganz, ganz, ganz, ganz, ganz, ganz, ganz, ganz, ganz, ganz, ganz, ganz, ganz, ganz, ganz, ganz, ganz, ganz, ganz, ganz, ganz abscheulich und war selbst für ein reines Lesungspublikum nahe an der Flippers-Grenze des Unerträglichen. Melodie fügten zwei junge, ebenfalls ungenannte Blechbläser hinzu, die sich den Luxus der Lernenden gönnten, auch mal ein paar sympathisch schräge Töne ins Horn zu tuten. Geboten wurde nichts Ausgefallenes, vielmehr Standards wie Weills "Macky Messer". Gleich zweimal nahm sich die Band den hehren Herbie Hancock vor, jenen brillanten Pianisten, den eine Angestellte eines hiesigen Jazz-Imperiums (???) beim privaten Probehören jüngst nicht zu erkennen pflegte. Da ich aber nicht fies bin, nenne ich den Namen dieser Wonder-Frau nicht. Außerdem muß Dorothee ja auch nicht jeden Musiker kennen, der sich über Pfingsten nach Moers verläuft.

(tb)

Aus dem Inhalt

Gästebuch! 10.02.2006
Ja, auch die Stattzeitung hat jetzt eins. Auf dass es wachsen und bald platzen möge...

Seite 1 - 15.03.2002
Warum eine neue Stattzeitung?

Seite 2 - 07.09.2002
Globalisierung - Fortschritt oder Anpassung?

Seite 3 - 27.03.2002
Preisbewusst lesen: Neuer Buchladen in Moers

Seite 4 - 15.03.2002
Comeback für die Kriminalisierung gebärunwilliger Frauen in der EU

Kultur 1 - 03.07.2002
Kultur in Moers:
Bal(l)/-sam im /-saal

Kultur 2 - 18.06.2002
Noch mehr Kultur:
Argonauten sind aus / Wo die Bücher tagen

Kultur 3 - 03.07.2002
Auch das noch:
Kultur in Duisburg!?
(10 Jahre Folk Fest...)

Kultur 4 - 03.07.2002
Kultur mit Hahn + Fuß - Jazz-Rückschau

Kultur 5 - 18.07.2002
Stattz stellt vor:
Marek über Wartke...
...und Schüler können schreiben

Mörser 1 - 04.07.2002
Kreativ parken...
Das Stoiber-Quiz

Mörser 2 - 23.07.2002
Die Wahlparade 2002

Mörser 3 - 09.07.2002
Briefe an die Leser

Mörser 4 - 07.09.2002
Vize Vize Fatze - Herr Graf hält Fähnchen


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