mörser 4



Vize Vize Fatze!

Lösungspotential zur Bundestagswahl mit dem Grafen von Moers

Graf von Moers Kolumne Nr. 28

Ich hoffe, Sie haben alle Ihren Monitor ordentlich geputzt, dies ist schließlich ein Hochglanzmagazin! Benutzen Sie bloß keine abstumpfenden Mittel (wie z. B. RTL2) und verwässern Sie sich nicht Ihren Sud mit Thüringen (jetzt weiß ich endlich auch, wieso manche dieser Würste so wäßrig schmecken).

Nun, da haben wir aber noch mal Schwein gehabt. Die Deutsche Nationalmannschaft hat gezeigt, was von Schröders „uneingeschränkter Solidarität" zu halten ist. Puh! In der großen Welt können sie ja optimal draufballern, aber auf dem rasenen Viereck sind die Amis eben „major league assholes", um mal deren Präsidenten zu zitieren. Zum Glück ist das gesamtdeutsche Besäufnis mittlerweile wieder abgeklungen, wo sie alle eine schwarzrotgüldene Fahne hatten. Nur vereinzelt schnurrt noch der Kater. Aber seit Johannes sind die Zeiten eh rau. Gut, daß die Rechtschreibreform den rührseligen Deutschen da entgegengekommen ist. Aber wenn mein blaudurchblutetes Auge dann Wortansammlungen wie im Wochen-Magazin liest - „Das Homekleid aus gerautem Fleece..." - Doppelaua! Es sollte jeder Homewerker dafür auf die Straße gehen, daß die Oberfläche seines Schleifpapiers eindeutig rauh ist. Aber nee, ab September loitet ein Noier Stoi(b)ermann in Doitschland auch noch die nächste Stufe der Rechtschreibreform ein:

Du bist die Alte*, ich dein Noier.
Du bist ungehoier toier,
die foirigste - echt! - aller Broite,
die mir so viel bedoitet hoite.

Selbst mein Boierchen erfroit dich,
und nicht einen Doit vergoid' ich,
dich zu fragen, troi und schoi:
„Boigst du dich mir im Hoioioi...?"

* (BRD)

Und natürlich Fragen über Fragen: Wird die SPD über die 5%-Hürde kommen? Wird als offizieller Gruß jetzt bald bundeseinheitlich „Grüß Gott" eingeführt? Oder doch eher personenbezogen ein fröhliches „Hoi Stoiber"? Und niesen darf man nur noch „Rebiotschi"!?

Stoiber skandiert mal wieder gegen die „Kuschelschulen", Rüttgers plädiert für eine „neue Kultur der Leistung" inkl. mehr Ganztagsschulen und Förderung schon der Kleinsten. Nach der Leit- nun also die Leistungskultur (F.D.P., ick hör dir trappsen). Das Thema „Kuschelschulen" freilich ist nicht neu, es wurde schon im letzten Bundestagswahlkampf verbraten und so darf auch ich mich nach 4 Jahren mal wiederholen: „Es kann ja nicht angehen, daß die popeligen 40 Schüler pro Klasse mit den Lehrern Wange an Wange agieren, daß Schule überhaupt keinen Streß mehr bedeutet und die Zahl der Nachhilfeschüler permanent sinkt. Schule muß also wieder mitten in die Fresse kicken, dort schon muß der Darwinismus herrschen, der Konkurrenzkampf geübt werden. Was hattest du heute in der dritten Stunde? - Buckeln! So bekommt das Wort 'Klassenkampf' wieder eine schöne, neue Bedeutung."
In Japan gibt es bereits ein eigenes Wort für den Selbstmord aus Überforderung. Da wir nun wohl auch auf dem besten Wege dorthin sind, gebührt es mir, dem Grafen, zur Ehre, das deutsche Pendant dazu zu ersinnen, diese Morbidität mag man mir zugestehen. Somit begehen bald viele gescheiterte Rechts- bzw. Leistungsträger den Stoibizid.
Zudem spricht sich der Süddeutsche für eine „Entbürokratisierung" des Staates aus, was dem stundenlang im Einwohnermeldeamtsflur auf seinen neuen Perso Wartenden zunächst als veritable Lockerungsübung erscheint, doch Stoibers Deregulierung meint natürlich nicht einen Abbau der Gesetze, welche die Einwanderung erschweren oder gar die Freigabe von Drogen. Verschwinden werden vielmehr, und dies ist im volkswirtschaftlichen Sinne unter Deregulierung zu verstehen, Arbeitnehmer- und Umweltschutzgesetze, wer nicht spurt wird halt künftig problemlos an die verseuchte Luft gesetzt, so hätte es der Herr in Weißblau gern.

Also, um dem kollektiven Bierzelt zu entgehen, gibt es wohl nicht allzu viele mögliche Lösungen.
SPD wählen - beep, error! Hilft nur scheinbar. Die Unterschiede zur CDU sind inzwischen so gering, daß man nicht einmal das kleinere der großen Übel herausfinden kann. Seite-eins-Willi sagte einmal, egal was man wählt, es kommt immer F.D.P. dabei heraus. Ist vielleicht etwas umwelt- und menschenfreundlicher (s. o.), aber noch lange nicht der Bringer.
Das kleinere der kleinen Übel - beep, error! Ist die F.D.P. im Vergleich zur CDU wirklich das kleinere Übel (mal abgesehen davon, daß das F.D.P.-Wählen für einen Graf-Leser absolut tabu ist)? Immerhin hat diese Partei ein inhaltlich klar umrissenes Programm: „18". Und unter den Möllemann-Abziehbildern, die einem derzeit quasi überall entgegenlinsen, steht wie selbstverständlich: „Klare Worte". Is klar. Na, und die Grünen, ja, sind die nach all den Kriegseinsätzen noch wählbar? Echt, Rezzo schlaucht. So geht's auch nicht.
Gar nicht wählen. Beep. An sich nicht so schlecht. Von wegen „ihr könnt mich mal mit eurer 'obersten Staatsbürgerpflicht'!" Wenn des Kanzlers gestriegelte Gattin es als das Mindeste eines jeden Bürgers ansieht, zur Urne zu schreiten, mag ich sie gerne vor die Apotheke schicken, zum kotzen. Um dieser Gesellschaft einen Dienst zu erweisen, kann man Nahrung an Obdachlose verteilen, Verstoßene aufnehmen oder „einfach nur" freundlich zu seinen Mitmenschen, ein anti-misanthropisches Vorbild sein, während man ehrlich lächelnd durch die Straßen zieht; aber zwei Striche auf ein Blatt Recyclingpapier zu schloppern, daran wird das deutsche Wesen schwerlich genesen. Gesundheit! Nur wird leider das bewußte Nichtwählen gerne als unmündige Gleichgültigkeit des Wahlviehs aufgefaßt. Dann kommt gerne der beknackte Vorwurf aufs Tapet: „Wenn dir alles egal ist, fügst du dich automatisch der Mehrheit." Das kann es ja wohl nicht sein. Der Nichtwähler Schuld am blauweißen Dilemma?
Einen ungültigen Stimmzettel abgeben. Beep. Nun ja, da sieht man wenigstens den guten Willen und den Protest gegen das bestehende System. Und man muß sich nicht vorwerfen lassen, irgendwelchen Parteien unnötig Knete in die Maschinerie zu pressen. Wir erinnern uns: Jede Partei bekommt (freilich erst ab einer höllisch großen Stimmenanzahl, damit die Kleinen mal wieder leer aus- und schließlich untergehen) 70 Cent pro Wählerstimme und Jahr auf ihr Konto gutgeschrieben.
Eine kleine Null-Chance-Partei wählen? Ja, Damnundherrn, da hammwat doch! Welche Partei? Ach, in einem System der Beliebigkeit ist es im Prinzip ja total egal, was man wählt. Nur, s. o., none of the above, keinen von den oberen Zehntausend. Viel mehr kleine Parteien stärken, daß sich das Gros der einfallslosen Wähler nicht auf eine der beiden Mächtigen konzentrieren muß. Irritation durch Vielfalt. Chance durch Gemischtwarenladen. So geht's. So könnte die „Demokratie" noch zu retten sein. Und wenn nicht, wird sie wenigstens mit ihren eigenen Mitteln geschlagen. Das bringt's. Tschacka, wir können es. Nur hört natürlich mal wieder niemand auf den verarmten Adel. Wirklich schade.

Also, Zusamm'fassung:
Am 11. September sich im Baumarkt beschweren, warum dem Teppichmesser keine Fluganleitung beigelegt ist.
Am 22. September den Spagat wagen, sein Kreuz abzugeben, ohne das Rückgrad zu verlieren.
Am 33. September den Kalender kompostieren.

Kommen wir zu den Kurznachrichten. Es tut sich was an der Land-unter-Schranke in Moers-Meerbeck! Nach vielen, vielen Jahren, in denen immer wieder die Untertunnelung selbiger diskutiert und in Aussicht gestellt wurde, ist nun endlich wirklich etwas passiert. Um die Kaufkraft von ob der Überquerungshinderung darbenden Kindern abzuschöpfen, wurde endlich in die richtige Nische gestoßen und ein Kaugummiautomat am Gleisgeschehen aufgestellt. Mein Respekt für dieses Lehrstück des Kapitalismus.

Abteilung Bewerbungsdesaster bei der Stadt Moers. Einerseits schlägt Bürgermeister Hofmann die sonst steil emporragenden Daumen über dem Kopf zusammen, wie ungebildet die Bewerber für einen Posten als städtischer Gärtner doch sind, im selben Daumenzug schließt er mal eben - schnipps! - zwei Bibliothekszweigstellen. Als vermeintlichen Ausgleich darf die Bibliothek dafür, auf nun verengtem Raum, an einem landesweiten Modellprojekt zur Lese- und Informationskompetenz teilnehmen. Und wenn Hüsch kommt, wird's noch heimeliger, dann darf richtig zusammengerückt werden.
Stellt denn niemand die Frage: Warum bewerben sich denn nur Menschen bei der Stadt Moers, die offensichtlich einen an der Klatsche haben? Fehlt der finanzielle Anreiz, die Aufstiegsperspektiven gerade in Zeiten knapper Kassen oder sind es die unklaren Bedingungen im Zusammenhang mit der Privatisierung des grünen Bereichs? Immerhin haben bei einer Umfrage des Personalrats der Stadt Moers rund ein Drittel der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter klipp und klar gesagt, heute bei der Stadt nicht wieder anfangen zu wollen.

Abteilung „Kühe zu Känguruhs". Jetzt wird doch tatsächlich erforscht, inwiefern sich Rindviehcher gentechnisch bearbeiten lassen, um ihre Verdauung umzustellen. Vorbild ist das Känguruh, das seinen Ausscheidungen kein schädliches Treibhausgas beimengt. Den Kühen auf der Weide wird immerhin unterstellt, durch ihr Herumgefurze und -gerülpse zu einem Siebtel an der schädlichen Gasproduktion schuld zu sein. Also, statt selbst den dicken Hahn zuzudrehen, soll das natürliche Treibhausgas reduziert werden, muß das arme Schlachtvieh als Bausatz dran glauben. Unerwünschter Nebeneffekt nach dem ersten Testdurchlauf: die Kängu-Kühe gaben Gummi und hopsten einfach über Zaun und Mond wie derweil in der Sesamstraße. Mögen die Mondkälber sich per Düsenantrieb aus der Atmosphäre furzen und den biestigen Wissenschaftlern keine Ansichtskarte schicken!

Abteilung Tiätsch-Witze á la The Smiths: Die Frau, deren Name einen bei dessen bloßer Erwähnung näßt, Margret Thatcher nämlich, erlitt Ende Januar einen Schlaganfall. Laut Presseberichten wurde sie in ein Krankenhaus gebracht, nachdem ihr Mann bemerkt hatte, daß sie Konzentrationsprobleme habe und ihre Sprache undeutlich geworden sei. So gesehen habe ich mindestens jedes Wochenende einen Schlaganfall... Kleiner Tip, Frau Thatcher: in Moers-Eick, gleich bei der Eicker Nordwand, gibt es eine Apotheke, da bekommt man Eicker Selzer. Sogar der hiesige Bürgermeister pflegte schon einmal in diesem Stadtteil wohnhaft zu sein, damals nannte man ihn wahrscheinlich den Eicker Sülzer. Und die dortige Kirchengemeinde, St. Ida, schlägt sich mit dem üblichen Mitgliederschwund herum - der Pastor ist also quasi Eicker-Ida-Kämpfer. Das sollte reichen, eickentlich.

Ihr

Graf von Moers
(im August 2002)


P. S.: Mein derzeitiges Lieblingszitat oben genannten Bürgermeisters lautet: „Die Lage ist viel ernster, als sie ist." Genau!

Aus dem Inhalt

Gästebuch! 10.02.2006
Ja, auch die Stattzeitung hat jetzt eins. Auf dass es wachsen und bald platzen möge...

Seite 1 - 15.03.2002
Warum eine neue Stattzeitung?

Seite 2 - 07.09.2002
Globalisierung - Fortschritt oder Anpassung?

Seite 3 - 27.03.2002
Preisbewusst lesen: Neuer Buchladen in Moers

Seite 4 - 15.03.2002
Comeback für die Kriminalisierung gebärunwilliger Frauen in der EU

Kultur 1 - 03.07.2002
Kultur in Moers:
Bal(l)/-sam im /-saal

Kultur 2 - 18.06.2002
Noch mehr Kultur:
Argonauten sind aus / Wo die Bücher tagen

Kultur 3 - 03.07.2002
Auch das noch:
Kultur in Duisburg!?
(10 Jahre Folk Fest...)

Kultur 4 - 03.07.2002
Kultur mit Hahn + Fuß - Jazz-Rückschau

Kultur 5 - 18.07.2002
Stattz stellt vor:
Marek über Wartke...
...und Schüler können schreiben

Mörser 1 - 04.07.2002
Kreativ parken...
Das Stoiber-Quiz

Mörser 2 - 23.07.2002
Die Wahlparade 2002

Mörser 3 - 09.07.2002
Briefe an die Leser

Mörser 4 - 07.09.2002
Vize Vize Fatze - Herr Graf hält Fähnchen


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