Die akute Information, die Dir chronisch fehlt   -   Ausgabe Moers - 3/2002

Zeitung für Internet und Umgebung


Warum eine neue STATTZEITUNG?

Von Wilfried Grüger

Seit einem Jahr ist Günter Meis nun tot. Er war die treibende Kraft der Stattzeitung und so war es klar, daß mit dem Beginn seiner Krankheit die Stattzeitung in der alten Form kaum würde überleben können. Seine persönlichen Kontakte zu Autoren und Informanten, die er unermüdlich immer wieder zu motivieren suchte, waren nicht zu ersetzen. Die Zeit und die Kraft, die er in das Projekt steckte, waren andere nicht bereit, im gleichen Maße zu investieren.

Die alte Stattzeitung wurde 1987 gegründet, als wir versuchten, das Projekt "Volkszählung" zu verhindern oder zumindest zu behindern. Als unserer Initiative von der Stadt keine Räumlichkeiten für Veranstaltungen zur Verfügung gestellt wurden und in der WAZ keine Leserbriefe mehr zu diesem Thema abgedruckt wurden, waren auch die Reste einer bürgerlich-demokratischen Öffentlichkeit der Zensur zum Opfer gefallen. Die Mächtigen der Stadt hatten gezeigt, wo Demokratie in Moers ihre Grenzen hat.

Grenzen der Demokratie erreicht

Angeblich darf jeder in diesem Land seine „Meinung frei äußern" aber über die Medien und öffentlichen Räume bestimmt eben nicht jeder, sondern bestimmen nur einige Wenige. Schließlich gründet sich darauf politische Macht und die ist zu wichtig, um sie eines demokratischen Übereifers wegen von jedermann gefährden zu lassen. Natürlich ist dies nicht im Sinne einer demokratischen Kontrolle der Mächtigen, wie sie als politische Funktion der Presse allgemein zugeschrieben wird. Die Kapitalkonzentration in diesem Bereich reduziert den Kreis derer, die wirklich bestimmen, was in den Medien zu finden ist, auf ein paar reiche Mediengurus und Parteiprofis der VIP-Klasse. Hier wäscht dann eine Hand die andere.

Daß z.B. ein Medienzar einem ehemals amtierenden Bundeskanzler schon mal die Reise zu Fußballspielen in den USA finanziert, ist schon etwas merkwürdig. Wenn unser Kanzler durch die gesetzliche Gestaltung der Medienlandschaft dem Medienzaren hilft, seine Marktposition auszubauen, verwundert das schon nicht mehr. Gerät das Medienimperium in eine geschäftliche Schieflage, vermittelt die Schwesterpartei die notwendigen Bankkredite.
Dafür wiederum rückt jener im Gegenzug eine Propagandasendung „Zur Sache, Kanzler" in sein Privatfernsehprogramm, in dem ein devoter Arbeitnehmer-Journalist dem interviewten Kanzler die Stichworte zur gefälligen Verwendung gibt.(Für unsere jungen Leser: Der Kanzler hieß Kohl, der Medienzar Leo Kirch und der Fernsehsender SAT.1)

Sind denn alle nur noch "powered by Emotions"?

Immer wieder geht es um die Wurst...Entsprechend sieht die Berichterstattung in den Medien aus. Die unkritische Übernahme von PR-Produktionen aus den Parteizentralen, die gefällige Weitergabe der zur Verfügung gestellten Propagandamaterialien aus dem „Verteidigungs"-Ministerium oder dem NATO-Hauptquartier vermitteln dem kritischen Beobachter den Eindruck einer gesteuerten Presse, die sich jeder eigenständigen kritischen Kommentierung und Recherche enthält. Es ist daher auch nicht verwunderlich, wie leicht es gelang, die Aufgabe der Bundeswehr von einer Verteidigungsarmee gegen die bösen Russen zur weltweit operierenden Interventionsarmee im deutschen Interesse umzuformulieren. Es leuchtet so heute jedem ein, dass zur Ergreifung eines vermuteten Attentäters in einem total heruntergewirtschafteten Dritte-Welt-Staat nicht etwa irgendwelche Geheimdienst-Operationen nach der Art von James Bond initiiert werden, sondern der ganze Staat mit einem Bombenhagel überzogen werden muß. Die zivilen „Kollateralschäden" interessieren dabei natürlich nicht und sind selbstverständlich nicht Gegenstand der Berichterstattung, auch wenn sie nach Schätzungen die Zahl der Toten im World Trade Center inzwischen weit überschritten haben. Wichtiger ist dagegen, dass „wir" dabei sind, denn „wir" sind solidarisch bis zum Abwinken und bieten unsere müden Jungs den mächtigen US-Cowboys an, wie sauer Bier. Gegenstand der Berichterstattung ist dann auch nur, warum sie nun nicht endlich in Kabul eingetroffen sind, wo sie eh keiner braucht, sondern noch in der Türkei an Schneemännern bauen müssen, weil es da dummerweise schneit. Kein kritisches Wort zu der Frage, warum unsere „Verteidigungsarmee" die Deutschen ausgerechnet in Afghanistan verteidigen muß, ist in den Medien zu finden.

Der andere Teil der Scharping-Truppe schippert auch nicht im Swimming-Pool, sondern soll vor den Küsten des ebenfalls total verarmten Somalia darüber wachen, dass nicht etwa der Super-Buhmann Bin Laden per Ruderboot anlandet, um dort sein Unwesen zu treiben. Auch der Sinn und die Legitimation dieses „out-of-area"-Einsatzes werden in unseren Medien natürlich nicht hinterfragt. Im Übrigen ist natürlich „out-of-area" total out : „area" ist überall und keiner hat es so richtig bemerkt. Es stand auch so nicht in der Zeitung. In der Zeitung stand nur, dass das alles ganz normal ist und unser Spitzen-Konvertit Josef Fischer der beste Außenminister seit Ribbentrop, nein, sogar aller Zeiten ist. Er schmeißt jetzt auch nicht mehr mit Steinen, sondern bevorzugt die Verwendung von Raketen und Bomben. Er hat sich somit, folgt man jedenfalls der Darstellung unserer Presseorgane, eindeutig von seiner militanten Vergangenheit gelöst.

Global, grenzenlos, kritisch...

Was soll nun eine Stattzeitung in dieser Szene? Natürlich glauben wir nicht, dass durch eine Stattzeitung an diesen globalen Tendenzen in der nächsten Zeit etwas geändert werden kann. Aber wir meinen, dass zumindest im lokalen Bereich eine kritische Stimme fehlt, die hier vor Ort mal etwas Abweichendes artikuliert, die Einheitssoße der Medienproduktion etwas aufmischt, wieder Mut macht, auch mal selbst zu denken. Dabei ist durchaus daran gedacht, nicht nur über die Moerser Insel in der Welt zu berichten, sondern auch darüber hinaus zu blicken.

Die neue Stattzeitung erscheint nicht mehr als Print-Medium, weil die Kosten der Herstellung durch entsprechende Anzeigeneinnahmen gedeckt werden müssen. Dies erfordert unnötig Kraft, um solche Anzeigen hereinzuholen Zudem waren ja auch in der letzten Zeit wichtige Anzeigen-Kunden, wie unsere grüne Konvertiten-Truppe, nicht mehr bereit, das Projekt weiter zu unterstützen. Wir unterstützen natürlich (wie man nun neuerdings überall in den Zeitungen sagt: „Im Zuge der Ereignisse...." ) aus hygienischen Gründen dieses Projekt auch nicht mehr.
Die Stattzeitung erscheint von nun an daher im Internet unter der Adresse http://www.Stattzeitung.de. Wir wollen versuchen, die interaktiven Möglichkeiten dieses Mediums für eine verbesserte Kommunikation zwischen der Zeitung und Euch, den Lesern, zu nutzen. Wir rufen Euch daher zum Mitmachen und Mitgestalten auf. Jeder kann durch das Verfassen von Artikeln und der Weitergabe interessanter Interna oder sonstiger Informationen dazu beitragen, die Stattzeitung zu bereichern und lesenswerter zu machen.

Günter Meis ist nun seit einem Jahr tot. An der politischen Situation, die ihn motivierte, viel Arbeit und Zeit in das Projekt Stattzeitung zu stecken, hat sich grundlegend nicht allzu viel geändert. Machen wir ihm und uns eine Freude: Beleben wir das Projekt Stattzeitung wieder! Es ist notwendiger denn je!

Aus dem Inhalt

Gästebuch! 10.02.2006
Ja, auch die Stattzeitung hat jetzt eins. Auf dass es wachsen und bald platzen möge...

Seite 1 - 15.03.2002
Warum eine neue Stattzeitung?

Seite 2 - 07.09.2002
Globalisierung - Fortschritt oder Anpassung?

Seite 3 - 27.03.2002
Preisbewusst lesen: Neuer Buchladen in Moers

Seite 4 - 15.03.2002
Comeback für die Kriminalisierung gebärunwilliger Frauen in der EU

Kultur 1 - 03.07.2002
Kultur in Moers:
Bal(l)/-sam im /-saal

Kultur 2 - 18.06.2002
Noch mehr Kultur:
Argonauten sind aus / Wo die Bücher tagen

Kultur 3 - 03.07.2002
Auch das noch:
Kultur in Duisburg!?
(10 Jahre Folk Fest...)

Kultur 4 - 03.07.2002
Kultur mit Hahn + Fuß - Jazz-Rückschau

Kultur 5 - 18.07.2002
Stattz stellt vor:
Marek über Wartke...
...und Schüler können schreiben

Mörser 1 - 04.07.2002
Kreativ parken...
Das Stoiber-Quiz

Mörser 2 - 23.07.2002
Die Wahlparade 2002

Mörser 3 - 09.07.2002
Briefe an die Leser

Mörser 4 - 07.09.2002
Vize Vize Fatze - Herr Graf hält Fähnchen


Homenix

IMPRESSUM

Herausgeber:
Stattzeitung e. V.
V.i.S.d.P.
Graf von Moers
Adresse:
www.stattzeitung.de
Kontakt: redaktion@stattzeitung.de
Redaktion:
Graf von Moers, Willi Grüger, Holger Müller, Christine Piassek, Dorothee Wolke

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Die Redaktionsecke
Wir sind wieder da. Nach eineinhalb Jahren „Schläfertum" haben wir hier nun eine online-Ausgabe der Stattzeitung für Euch. Mich freut dies besonders für alle diejenigen, die nach Günters Tod ihre verhohlene Freude über den gleichzeitigen Untergang der Stattzeitung kaum verbergen konnten.
Damit aus dieser online-Zeitung kein Flop wird - eingefleischte Nöler sagen dies nicht nur voraus sondern wollen auch mir solche unsinnigen Behauptungen in den Mund legen - haben wir es für Euch ganz einfach gemacht, Euch am Geschehen zu beteiligen.

Ihr könnt Euch an uns wenden, indem Ihr ganz diskret aus dem stillen Kämmerlein eine e-mail an uns schickt unter: redaktion@stattzeitung.de
Wir freuen uns, von Euch zu lesen und mit Euren Infos, Meinungen, Artikeln, Ideen, Kommentaren, Anregungen, Kritiken oder gar Lob die online-Stattzeitung bunt und rund zu gestalten. Nutzt Eure Möglichkeiten!
Schöne Grüße an Norbert und den Rest der Welt

Dorothee



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