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Warum eine neue STATTZEITUNG?
Von Wilfried Grüger
Seit einem Jahr ist Günter Meis nun
tot. Er war die treibende Kraft der Stattzeitung und so war es klar,
daß mit dem Beginn seiner Krankheit die Stattzeitung in der
alten Form kaum würde überleben können. Seine persönlichen
Kontakte zu Autoren und Informanten, die er unermüdlich immer
wieder zu motivieren suchte, waren nicht zu ersetzen. Die Zeit und
die Kraft, die er in das Projekt steckte, waren andere nicht bereit,
im gleichen Maße zu investieren.
Die alte Stattzeitung wurde 1987 gegründet, als wir
versuchten, das Projekt "Volkszählung" zu verhindern
oder zumindest zu behindern. Als unserer Initiative von der
Stadt keine Räumlichkeiten für Veranstaltungen zur Verfügung
gestellt wurden und in der WAZ keine Leserbriefe mehr zu diesem Thema
abgedruckt wurden, waren auch die Reste einer bürgerlich-demokratischen
Öffentlichkeit der Zensur zum Opfer gefallen. Die Mächtigen
der Stadt hatten gezeigt, wo Demokratie in Moers ihre Grenzen hat.
Grenzen der Demokratie erreicht
Angeblich darf jeder in diesem Land seine Meinung
frei äußern" aber über die Medien und öffentlichen
Räume bestimmt eben nicht jeder, sondern bestimmen nur einige
Wenige. Schließlich gründet sich darauf politische Macht
und die ist zu wichtig, um sie eines demokratischen Übereifers
wegen von jedermann gefährden zu lassen. Natürlich ist dies
nicht im Sinne einer demokratischen Kontrolle der Mächtigen,
wie sie als politische Funktion der Presse allgemein zugeschrieben
wird. Die Kapitalkonzentration in diesem Bereich reduziert den Kreis
derer, die wirklich bestimmen, was in den Medien zu finden ist, auf
ein paar reiche Mediengurus und Parteiprofis der VIP-Klasse. Hier
wäscht dann eine Hand die andere.
Daß z.B. ein Medienzar einem ehemals amtierenden
Bundeskanzler schon mal die Reise zu Fußballspielen in den USA
finanziert, ist schon etwas merkwürdig. Wenn unser Kanzler durch
die gesetzliche Gestaltung der Medienlandschaft dem Medienzaren hilft,
seine Marktposition auszubauen, verwundert das schon nicht mehr. Gerät
das Medienimperium in eine geschäftliche Schieflage, vermittelt
die Schwesterpartei die notwendigen Bankkredite.
Dafür wiederum rückt jener im Gegenzug eine Propagandasendung
Zur Sache, Kanzler" in sein Privatfernsehprogramm, in dem
ein devoter Arbeitnehmer-Journalist dem interviewten Kanzler die Stichworte
zur gefälligen Verwendung gibt.(Für unsere jungen Leser:
Der Kanzler hieß Kohl, der Medienzar Leo Kirch und der Fernsehsender
SAT.1)
Sind denn alle nur noch "powered by Emotions"?
Entsprechend
sieht die Berichterstattung in den Medien aus. Die unkritische Übernahme
von PR-Produktionen aus den Parteizentralen, die gefällige Weitergabe
der zur Verfügung gestellten Propagandamaterialien aus dem Verteidigungs"-Ministerium
oder dem NATO-Hauptquartier vermitteln dem kritischen Beobachter den
Eindruck einer gesteuerten Presse, die sich jeder eigenständigen
kritischen Kommentierung und Recherche enthält. Es ist daher
auch nicht verwunderlich, wie leicht es gelang, die Aufgabe der Bundeswehr
von einer Verteidigungsarmee gegen die bösen Russen zur weltweit
operierenden Interventionsarmee im deutschen Interesse umzuformulieren.
Es leuchtet so heute jedem ein, dass zur Ergreifung eines vermuteten
Attentäters in einem total heruntergewirtschafteten Dritte-Welt-Staat
nicht etwa irgendwelche Geheimdienst-Operationen nach der Art von
James Bond initiiert werden, sondern der ganze Staat mit einem Bombenhagel
überzogen werden muß. Die zivilen Kollateralschäden"
interessieren dabei natürlich nicht und sind selbstverständlich
nicht Gegenstand der Berichterstattung, auch wenn sie nach Schätzungen
die Zahl der Toten im World Trade Center inzwischen weit überschritten
haben. Wichtiger ist dagegen, dass wir" dabei sind, denn
wir" sind solidarisch bis zum Abwinken und bieten unsere
müden Jungs den mächtigen US-Cowboys an, wie sauer Bier.
Gegenstand der Berichterstattung ist dann auch nur, warum sie nun
nicht endlich in Kabul eingetroffen sind, wo sie eh keiner braucht,
sondern noch in der Türkei an Schneemännern bauen müssen,
weil es da dummerweise schneit. Kein kritisches Wort zu der Frage,
warum unsere Verteidigungsarmee" die Deutschen ausgerechnet
in Afghanistan verteidigen muß, ist in den Medien zu finden.
Der andere Teil der Scharping-Truppe schippert auch nicht
im Swimming-Pool, sondern soll vor den Küsten des ebenfalls total
verarmten Somalia darüber wachen, dass nicht etwa der Super-Buhmann
Bin Laden per Ruderboot anlandet, um dort sein Unwesen zu treiben.
Auch der Sinn und die Legitimation dieses out-of-area"-Einsatzes
werden in unseren Medien natürlich nicht hinterfragt. Im Übrigen
ist natürlich out-of-area" total out : area"
ist überall und keiner hat es so richtig bemerkt. Es stand auch
so nicht in der Zeitung. In der Zeitung stand nur, dass das alles
ganz normal ist und unser Spitzen-Konvertit Josef Fischer der beste
Außenminister seit Ribbentrop, nein, sogar aller Zeiten ist.
Er schmeißt jetzt auch nicht mehr mit Steinen, sondern bevorzugt
die Verwendung von Raketen und Bomben. Er hat sich somit, folgt man
jedenfalls der Darstellung unserer Presseorgane, eindeutig von seiner
militanten Vergangenheit gelöst.
Global, grenzenlos, kritisch...
Was soll nun eine Stattzeitung in dieser Szene? Natürlich
glauben wir nicht, dass durch eine Stattzeitung an diesen globalen
Tendenzen in der nächsten Zeit etwas geändert werden kann.
Aber wir meinen, dass zumindest im lokalen Bereich eine kritische
Stimme fehlt, die hier vor Ort mal etwas Abweichendes artikuliert,
die Einheitssoße der Medienproduktion etwas aufmischt, wieder
Mut macht, auch mal selbst zu denken. Dabei ist durchaus daran gedacht,
nicht nur über die Moerser Insel in der Welt zu berichten, sondern
auch darüber hinaus zu blicken.
Die neue Stattzeitung erscheint nicht mehr als Print-Medium,
weil die Kosten der Herstellung durch entsprechende Anzeigeneinnahmen
gedeckt werden müssen. Dies erfordert unnötig Kraft, um
solche Anzeigen hereinzuholen Zudem waren ja auch in der letzten Zeit
wichtige Anzeigen-Kunden, wie unsere grüne Konvertiten-Truppe,
nicht mehr bereit, das Projekt weiter zu unterstützen. Wir unterstützen
natürlich (wie man nun neuerdings überall in den Zeitungen
sagt: Im Zuge der Ereignisse...." ) aus hygienischen Gründen
dieses Projekt auch nicht mehr.
Die Stattzeitung erscheint von nun an daher im Internet unter der
Adresse http://www.Stattzeitung.de.
Wir wollen versuchen, die interaktiven Möglichkeiten dieses Mediums
für eine verbesserte Kommunikation zwischen der Zeitung und Euch,
den Lesern, zu nutzen. Wir rufen Euch daher zum Mitmachen und Mitgestalten
auf. Jeder kann durch das Verfassen von Artikeln und der Weitergabe
interessanter Interna oder sonstiger Informationen dazu beitragen,
die Stattzeitung zu bereichern und lesenswerter zu machen.
Günter Meis ist nun seit einem Jahr tot. An der politischen
Situation, die ihn motivierte, viel Arbeit und Zeit in das Projekt
Stattzeitung zu stecken, hat sich grundlegend nicht allzu viel geändert.
Machen wir ihm und uns eine Freude: Beleben wir das Projekt Stattzeitung
wieder! Es ist notwendiger denn je!
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