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Die akute Information, die Dir chronisch fehlt   -   Ausgabe Moers - 9/2002

Zeitung für Internet und Umgebung


Globalisierung - Fortschritt oder Anpassung?

von Dorothee Wolke

Globalisierung ist zur Zeit in aller Munde. Selbst unser Kanzler gibt sich ganz global und fliegt kurz nach Johannesburg zur Weltkonferenz, um den „wichtigen" der Welt zu verkünden, wie dringend erforderlich doch „entschiedenes Handeln für die Zukunft" und Programme zu regenerativen Energien seien. Dabei wären Taten doch viel effektiver, zumal er dafür gar nicht erst nach Johannesburg müßte. Und war es nicht die SPD, die unseren Umweltminister in den letzten vier Jahren bei Tatendrang und Handlungswillen für die Zukunft immer wieder entschieden ausgebremst hat. Was also treibt unsern Kanzler - die Flut im Nacken - oder die Wahl? Kann und will er wirklich etwas bewegen? Und was will eine Weltkonferenz erreichen? Was heißt Globalisierung?

Noam Chomsky, Sprachwissenschaftler und Gesellschaftskritiker, einer der schärfsten Kritiker der gegenwärtigen Weltordnung und des US-Imperialismus sagt dazu folgendes: Globalisierung ist „internationale Integration, die die mächtigsten Staaten allen anderen aufzwingen, die im Interesse privater Machtkonzentration umgesetzt wird und die kaum etwas mit den Anliegen der Bevölkerungen zu tun hat."

Laut Chomsky ist seit dem Zweiten Weltkrieg die internationale Integration der Wirtschaft stetig vorangeschritten. Er unterscheidet in der Nachkriegszeit zwei Phasen, die erste, die bis Anfang der 70er Jahre dauerte, nennt er Bretton-Woods-Phase. Sie zeichnete sich durch ein System von festen Wechselkursen und Kapitalverkehrskontrollen aus. Die zweite Phase verlangt Strukturanpassungsprogramme von den ärmsten Ländern sowie auch von den weiter entwickelten. Dies natürlich nach den Prinzipien des „Konsens von Washington", welcher von der US-Regierung, dem Pentagon und den internationalen Wirtschafts- und Finanzinstitutionen geteilt wird.

Diese zweite Phase wird als Globalisierung bezeichnet.

Global gesehen ist schon alles schön...

Angeblich hat die Globalisierung einen bedeutenden Anstieg des Wohlstands erreicht, doch läßt sich dies wohl kaum so global sagen, bei 2,5 Milliarden Menschen ohne angemessene sanitäre Anlagen oder 1,2 Milliarden Menschen ohne sauberes Trinkwasser weltweit.
Gerade einigten sich die Regierungsvertreter aus 190 Staaten über Zeiträume, in denen diese Zahlen halbiert werden sollen. Auf 13 (dreizehn) Jahre haben sich die „wichtigen" der Welt hier festgelegt. Aber - wer wird die Umsetzung kontrollieren - welche Konsequenzen hätte eine Nichteinhaltung - und wer trifft wirklich die Entscheidungen?

Laut Chomsky „hat ein gewaltiger Anstieg der spekulativen Kapitalbewegungen stattgefunden, der zum eigentlichen Charakterzug der Phase der Globalisierung geworden ist. Diese Kapitalflüsse schränken die politischen Optionen der Regierungen ein, verleihen dem Finanzkapital ein Vetorecht, unterlaufen die Volkssouveränität in den demokratischen Regimen und stellen alle fortschrittlichen Wirtschafts- und Sozialpolitiken in Frage, die der Bevölkerung eher zu gute kommen als den Investoren. Es bildet sich ein Merkantilismus der Konzerne heraus, eine liberale internationale Ordnung, in der die Entscheide über soziale und wirtschaftliche politische Fragen immer mehr in den Händen des Privatkapitals konzentriert sind, das sich durch sehr hohe Machtkonzentrationen auszeichnet, die Märkte verwaltet und sowohl als Werkzeug wie auch als Tyrann der Regierungen agiert."

Deshalb überrascht es wohl keinen, daß die Globalisierung öffentliche Proteste hervorgerufen hat und dies weltweit. Eine Konsequenz ist der Zusammenschluß von Attac. Die internationale Attac-Bewegung wurde bei einer Sitzung mit Teilnehmern aus unterschiedlichen Ländern während eines Treffens am 11.-12. Dezember 1998 in Paris ins Leben gerufen, ursprünglich als „Association pour la taxation de transactions financières à l'aide des citoyennes et citoyens" (daher der Name). Zu deutsch „Vereinigung zur Besteuerung von Finanztransaktionen im Interesse der Bürgerinnen und Bürger".

Attac - global organisiert gegen Globalisierung?

In den letzten in Moers monatlich erscheinenden BarrikadeNachrichten, dem „Gemeindebrief" des Libertären Zentrums in Moers, wird „Teilen der sogenannten Antiglobalisierungsbewegung" wie z.B. Attac vorgeworfen sie „kumpeln inzwischen auf den internationalen Konferenzen mit den herrschenden Eliten herum, anstatt sie zu bekämpfen."
Und der Autor steht da nicht alleine mit seiner Meinung - zumindest sprudelte mir neulich von einem Barrikadeerbauer große Skepsis gegenüber Attac entgegen, weil doch ein gewisser Herr Lafontaine da jetzt auch mitmischt. Ein Grund mehr, mal genauer hinzugucken, was die Bewegung will. Hier der Grundkonsens von Attac:
Attac lehnt die gegenwärtige Form der Globalisierung, die neoliberal dominiert und primär an den Gewinninteressen der Vermögenden und Konzerne orientiert ist, ab:
Die Welt ist keine Ware.
Attac wirft die Frage nach wirtschaftlicher Macht und gerechter Verteilung auf.
Attac setzt sich für die Globalisierung von sozialer Gerechtigkeit, politischen, wirtschaftlichen und sozialen Menschenrechten, für Demokratie und umweltgerechtes Handeln ein.
So weit, so gut.

Die eigene Rolle in der globalisierungskritischen Bewegung stellt Attac so dar:
Attac ist ein wichtiger Bestandteil der neuen, globalisierungskritischen Bewegung, ist aber nicht identisch mit ihr. Diese Bewegung ist weitaus breiter, differenzierter und vielfältiger als Attac und es gibt in ihr andere sehr wichtige Akteure.
Attac erhebt keinen Alleinvertretungs- oder Führungsanspruch und ist auch keine Dachorganisation.
Attac strebt eine Koordination mit anderen Akteuren an. Ziel ist ein gesellschaftliches Bündnis als Gegenmacht zu den Kräften der globalen Märkte und deren politischen Organe.
Gegenüber politischen Parteien wahrt Attac seine Eigenständigkeit und weist Versuche parteipolitischer Instrumentalisierung oder Kooption durch staatliche und zwischenstaatliche Institutionen zurück. Bewußt schließen wir die Mitgliedschaft von Bundes- und Landesverbänden politischer Parteien in Attac aus.

Politischen Druck entfalten und globalisieren!

Attac versteht sich als ein innovatives Projekt, das Aufklären und Wissen vermitteln und politischen Druck entfalten will. Attac bedient sich hierfür je nach Umständen der Instrumente von Publikationen über Workshops, Konferenzen, professioneller Öffentlichkeitsarbeit bis zur Politikbeeinflussung im offiziellen politischen System, der phantasievollen Performance, Demonstrationen und Aktionen des zivilen Ungehorsams, ohne eines dieser Instrumente zu verabsolutieren.
Attac ist also ein Ort, wo politische Lern- und Erfahrungsprozesse ermöglicht und in dem unterschiedliche Strömungen emanzipatorischer Politik miteinander diskutiert werden, um zu gemeinsamer Handlungs- und Aktionsfähigkeit zusammenzufinden.
Es ist, um wieder mit Chomsky zu sprechen, „keine Überraschung, daß...(die Globalisierung) rund um die Welt beträchtliche öffentliche Proteste hervorgerufen hat. Dabei sind sich gesellschaftliche Kräfte mit unterschiedlichem Hintergrund näher gekommen, aus reichen sowie aus armen Ländern. Das ist neu und sehr ermutigend. Das heutige Meeting1) bietet weitere Gelegenheit, diesen Prozeß voranzutreiben. Es dient der Ausarbeitung neuer Alternativen, um die große Mehrheit der Weltbevölkerung nicht nur gegen einen Angriff auf die grundlegenden Menschenrechte zu verteidigen, sondern darüber hinaus die inakzeptable Konzentration der Macht zu zerschlagen und das Reich der Freiheit und der Gerechtigkeit auszuweiten."
Dem habe ich nichts mehr hinzuzufügen.

Die hier aufgeführten Zitate von Noam Chomsky stammen aus seinem Beitrag zur
1)Konferenz „The other Davos" am 26.1.2001 in Zürich, zu finden unter www.attac-netzwerk.de. An dieser Stelle finden sich auch die niedergeschriebenen Informationen zu ATTAC sowie weitere. Die Moers am nächsten gelegene Attac-Gruppe ist in Duisburg. Kontakt: Fred Brockof, fon 02151/407962, e-mail: fred.brockof@plus-online.de
Am 14.9.2002 findet der Aktionstag „Her mit dem schönen Leben" in Köln von ATTAC statt.
Auch hierzu findet Ihr Infos unter www.attac-netzwerk.de

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