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Die akute Information, die Dir chronisch fehlt   -   Ausgabe: 1/2002

K I M - Kultur in Moers

Zum Welttag des Buches: Sechs in der Zentralbibliothek

Nicht nur dem Buch, auch dem Bier war am 23. April ein Welttag gewidmet. Aber Bier ist ja nichts anderes als flüssiges Buch, höre ich zumindest Pikus den Schluckspecht tönen und gebe ihm natürlich recht. Beides, Buch und Bier, ist schließlich mehr oder minder gehaltvoll und regt zu Diskussionen an. Manchmal bleibt aber nichts als ein resignierendes Lallen.

Nicht so in der Moerser Zentralbibliothek, die zum nunmehr fünften Mal in Zusammenarbeit mit der “Moerser literarischen Gesellschaft” zur Veranstaltung “moerser schreiben” einlud. Gleichzeitig wurde die von Marianne Possmann im Moerser Brendow Verlag herausgegebene Anthologie “Unsere kleine Welt - niederrheinische Impressionen” präsentiert, welches der Rezensent jedoch wegen grobem Hirnaua nach Genuß des multigenialen Titels bald außer Reichweite legte (da steckt hoffentlich ganz viel Ironie drin, aber welcher Niederrheiner versteht das?). Käufer dieses Werkes jedoch lobten leckeres Layout wie intensiven Inhalt. Immerhin.

Knapp 40 Besucher fanden den Weg in die ZB, z. B. ich. Für eine Lesung ohne Hüsch geht dieser Ansturm zwar ganz in Ordnung, für einen Verein mit weit mehr als 40 Mitgliedern, denen jeglich eine Einladung zuteil wurde, eigentlich nicht. Hier müßte auch mehr auf die Schulen zugegangen werden, damit Lesungen bei jungen Menschen nicht die Vorstellung erwecken, es handele sich um langweilige Bildungsveranstaltungen für elitäre Kaffeetanten.
Nach Begrüßung durch Marie-Luise Hülsberg, Vorsitzende der Moerser Gesellschaft, die besonders die “kultigen Salzstangen” hervorhob, machte Moderator und Hauptverantwortlicher für die Präsenz besagten Knabbergebäcks Christian Behrens deutlich, wie wichtig der Erhalt der Moerser Stadtteilbibliotheken ist:

“Bücher sind die Welt auf Seiten,
Bücher können und begleiten
auf dem Weg der Fantasie;
wer nicht liest, entdeckt ihn nie...

Bücher fördern den Verstand,
Bücher machen uns bekannt
mit uns selbst und mit dem Leben,
Bücher soll’s für alle geben!”

Und in der Tat, ich muß da in jedem Falle zustimmen, es ist wahrhaftig so, die Salzstangen waren durchaus überaus kultig! Nicht muffig, keinesfalls angeweicht, nein, knusprig und kross, mit genau der richtigen Menge an wohlgeformten Salzstückchen, die ordentlich positioniert, sprich gleichmäßig auf der Gesamtfläche der Stangen verteilt waren. Das Aroma entfaltete sich nach Speichelkontakt in erfreulich rascher, intensiver Manier und zum Tunken - wer’s braucht - wurden Wasser, Wein und Saft gereicht.

Kauend, knuspernd, schluckend blickte man von weißen Bistrotischen auf eine Bühne mit Bücherregalen im Hintergrund, die gleich dreimal “Fantastisches” anboten, bevor man einer Rubrik begegnete, welche wahrhaft bezaubernd ist und entsprechend meine schwerlich zu toppende Lieblingskategorie darstellt: “Virtuelle Welten + Hexen”.
Anfangen mit seiner speziellen Sorte der Hexerei durfte Georg Pelzer, der dritter Träger des Moerser Literaturpreises 2001 mit der wahrscheinlich besten Geschichte geworden ist, welche in diesem Rahmen jemals prämiert wurde. Pelzer schickte auch diesmal wieder seinen Herrn Bernstein ins Regenland, in die Schweiz nämlich, gab zuvor jedoch auch ein wenig nicht minder ansprechend geschriebene Vorgeschichte zum Besten. Sein Satzstakkato, sein prosaischer Schmiß und seine Ähnlichkeit mit Gregor Gysi machten den Auftakt der Lesung gleichwohl zum Höhepunkt selbiger.

Es folgten Preisträger Nr. 2 und 1, Klaus Brandt und Kerstin Willuhn. Während Brandt über seine überregionale Tageszeitung unter Einbeziehung türkischer Pornomagazine sinnierte, wiederkäute Willuhn ihren wenig originellen Siegertext.
Einen weiteren positiven Akzent vermochte Andreas Daams mit zwei kurzen, kuriosen Geschichten zu setzen. Während die mit dem ertrunkenen Sonnenstrahl nachdenklich stimmen konnte, erweckte die Vorstellung Heiterkeit, wie der Ich-Erzähler im zweiten Text zur eigenen großen Verwunderung in ein öffentliches Urinal eben nicht urinierte, sondern schneite.
Bevor Christian Behrens den Abend in bewährter Manier mit zwei Gedichten beendete - darunter etwas Herzerfrischendes über Grillen -, durfte noch Ingeborg Nimwegen ans Mikrofon, die im Neukirchener Autorenkreis aktiv und in der “Kleinen Welt” mit einem Gedicht vertreten ist. Etwas schrullig stand die alte Dame während ihres Vortrags da, die drögen Ansagen hatten durchaus etwas für sich. Überflüssig jedoch ihr Kommentar zu einem Gedicht über den Zweiten Weltkrieg, es habe durch den 11. September erschreckende Aktualität erhalten. Flugzeuge, Bomben und ein trügerischer Frieden... Kurze Gedichte mit einfachen Bildern rannen aus ihrem Mund, einiges etwas zu flach, anderes etwas zu vorhersehbar. Wirklich bedeutend ist ihre Wortkunst nicht, die Dramatik ihres Vortrages stand im Mißverhältnis zu dem Maß an Nachdenklichkeit, das sie zu evozieren vermochte. Nimwegen nimmt sich und ihre Lyrik leider sehr ernst, aber gerade diese Überzeugtheit machte wohl den Reiz ihres Teils der Lesung aus.

Abschließend noch ein paar Zeilen zum Erhalt der Moerser Musikschule etc.:

Gitarren sind die Welt auf Saiten,
können jedes Lied begleiten
und mit ein wenig Phantasie
schafft gar der Rat die Melodie:

Kultur, dich wollen wir erhalten
für die Jungen und die Alten,
du sollst noch lange mit uns leben.
Kultur, dich soll’s für alle geben!

(tb)

 


Die letzte Vorstellung ihrer Art des Moerser Schloßtheaters

Argonauten ausgelaufen - alle alle

Alles Fröhliche findet auch einmal ein selig’ Ende. Die Argonauten, besser Egonauten, verschossen nun letztmalig ihr Pulver im Pulverhäuschen neben dem Schloß zu Moers. Es sollte ein recht langer Abend werden, diesmal gar mit Zugabe (“Amazing Grace”, ausgerechnet), was das ausgiebig erschienene Publikum mit bravem Applaus quittierte. Überhaupt waren die Zuschauer gut gelaunt, nur zwei verließen das Pulverhäuschen vorzeitig, und die sahen nicht einmal genervt aus.

Das ist nicht selbstverständlich, denn die Integration des Publikums ist ein wichtiger Bestandteil bei den Argonauten. Zum Singen, Tanzen aufgefordert werden, sich provozieren, echauffieren lassen, dies gehört zum Standardprogramm des musikalischen Abends (mit Uli Brüstle an der Schweineorgel), bei dem die Improvisationskunst im Vordergrund steht. Diese kam auch in der letzten Vorstellung nicht zu kurz, auch wenn nicht alles originell war und so manches nicht recht klappen wollte.

Jeffrey Zach freute sich über Jan Kämmerer, der im Kamin steckte (“Kamin and find out”). Bettina Ernst als einzige Aktrice hatte es nicht leicht, gegen die geballte Manneskraft anzuspielen. Verknäuelt saß sie auf ihrem Stück der Sitzgelegenheit, ihr leiser Ruf nach einer Frauenquote blieb unerhörterweise unerhört. Nicht nur sie dürfte Christiane zu Salm-Salm und ihre verschrobenen Darbietungen vermißt haben. Nichtsdestotrotz schlug sie sich tapfer, und obschon ihr nur ein Lied vergönnt war, was ihr durch die Männerriege bereits nach wenigen Takten vergällt wurde, schaffte sie es allein durch ihre skurrile Präsenz, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Und schlußendlich zeigte auch sie, wie man mit roher Gewalt erfolgreich sein und ein Rhythmusei aufbrechen kann. Der geneigte Zuschauer bekam als Souvenir ein Kügelchen daraus geschenkt.
Mike Hoffmann, der diesmal erfreulicherweise nicht in die Kiste mit Aufschrift Westernhagen griff, brillierte zum Abschluß mit einem Trinklied, das dem genialen Original von Funny van Dannen in nichts nachstand.

Für den interessierten Zuschauer war wieder einmal viel im Auge zu behalten: die einzelnen Schauspieler, deren Interaktion, das Publikum, das diesmal leider keine Exemplare der Sorte “Soeinscheißwollendieunsverarschen” aufwies, die oftmals den eigentlichen Reiz der Aufführung ausmachten. Rappelvoll war es immerhin, und als hätte das nicht gereicht, wurden als lebende Requisiten noch achtlos am Pulverhäuschen Vorbeischlendernde ins Innere gezerrt und zum kulturellen Genuß verdonnert.
Bei einer langen Vorstellung wie der letzten fällt natürlich besonders auf, auf welche Glanzlichter man verzichten mußte: Die Gast-Hündin war läufig und blieb daher ihre besten Tricks schuldig, der Haifisch blieb in der Hose, es gab keine homoerotischen Anzüglichkeiten und mein persönliches Lieblingslied dieser Veranstaltungsreihe wurde auch nicht dargeboten. Keine schlechte Vorstellung, das, aber auch wahrlich kein glühender Fixstern zum Abschluß.
Die Argonauten mögen fortgespült von der Flut verstreut in alle Winde bzw. Wasser nun an den unmöglichsten Ufern weilen, in unseren Herzen freilich werden wir sie immer mit uns tragen.

(tb)

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